Chaos in Laos

...und andere, teils wunderliche Begebenheiten


Zwei lange, goldgeschuppte Drachen schlängeln sich rechts und links am Aufgang zum Tempel die Treppenstufen hinunter. Mit weit aufgerissenen, rot bemalten Mäulern begrüßen sie die Besucher. Die Statuen könnten bedrohlich wirken, wenn nicht der Himmel so blau und der Duft des Jasmins, der im Kübel neben dem Eingang steht, so betörend wäre. Dazu mischt sich die feuchte, warme Luft mit dem kehligen Gebetssingsang der Mönche. Meine Schritte werden langsamer, behutsamer, ich habe das Bedürfnis, mich in den Schatten zu setzen, innezuhalten und den Moment auf mich wirken zu lassen.


Unglaublich. Dieser Ort schafft innerhalb weniger Sekunden, was mir zu Hause oft über Tage nicht gelingt. Der Stress fällt von mir ab und ich bin ganz im Hier und Jetzt: Ich beobachte eine alte Frau, die voller Ruhe orangefarbene Tagetesblüten auf eine Schnur fädelt. Ein kleines Mädchen mit winzigen Flipflops an den Füssen macht erste Gehversuche, in einer Nische hockt ein Mann im Schneidersitz und breitet kleine Buddhafiguren aus schwarz glänzendem Stein vor sich auf einem Tuch aus. Von wegen Chaos in Laos!


In meiner Reiseagentur C&M Travel ist der Spruch eine Art Running Gag: „Mal wieder Chaos in Laos!“, rufen wir uns zu, wenn ein Tag ungeplant zu einem wilden Abenteuer wird. Etwa dann, wenn eine Airline wegen eines Streiks alle Flüge annulliert oder ein Kunde uns mit verrückten Ideen so richtig herausfordert: Herr Müller will einen Streunerhund aus Ibiza mit nach Hause nehmen und Frau Meyer will das Kinderbett für ihren Jüngsten in der First-Class-Kabine der Lufthansa aufstellen. Dazu klingeln alle Telefone und das E-Mail-Postfach quillt über: „Chaos in Laos!“ – und alle wissen Bescheid.


Schon bei meiner Ankunft in Luang Prabang vor gerade mal drei Stunden habe ich geahnt, dass an dem Spruch wenig dran ist. Im Gegenteil. Schon der Flughafen entschleunigt. Alles ist sauber und aufgeräumt, die Menschen sind zuvorkommend und scheinen überhaupt keine Hektik zu kennen.


Es gibt zwei Einreiseschalter. Über einem hängt ein rotes Schild, über dem anderen ein blaues. Worin der Unterschied besteht, weiß keiner so genau. Mit Visum? Oder Visum on arrival? Als ich kurz stehen bleibe, um zu überlegen, kommt auch schon ein Laote auf mich zu, reiht mich passend ein und nach weniger als fünf Minuten habe ich einen neuen Stempel im Pass: ‚Laos PDR‘, lese ich. Die Abkürzung steht für ‚people’s democratic republic‘. Inoffiziell übersetzen viele die drei Buchstaben mit: ‚Please don’t rush‘ – bitte keine Eile!


Wunderbar! Genau das habe ich gesucht. Laos ist ein vergleichsweise unentdecktes touristisches Juwel. Lang und schmal, immer den sagenumwobenen Mekong entlang, schmiegt sich das Sieben-Millionen-Einwohner-Land im Westen an Thailand, im Osten an Vietnam. Im Norden grenzt es an China und Burma, im Süden an Kambodscha. Als einziger asiatischer Staat ohne Zugang zum Meer ist es auf der Hotlist der touristischen Ziele quasi das ‚vergessene Land‘. Und das macht den Charme aus.


Meine Begleiter auf dieser Reise kommen dieses Mal aus Russland, Belgien und Frankreich. Wir sind langjährige Kollegen, die sich in einem Expertennetz zusammengeschlossen haben. Jeder von uns reist gefühlt 100 Tage im Jahr durch die Welt, auf der Suche nach Außergewöhnlichkeit, den besonderen Momenten, Menschen und Unterkünften. Ich habe dieses Netzwerk vor 17 Jahren gegründet und so unterschiedlich diese Mitglieder aus aller Herren Länder sind, eines haben wir alle gemeinsam: Wir sind gnadenlose Tester, Perfektionisten, und wissen, dass eine gute Beratung nur mit Vor-Ort-Kenntnis und nicht durch Dr. Google möglich ist. In den kommenden Tagen werden wir viele Boutiquehotels, Restaurants, Guides und Ausflüge testen. Übrig bleibt dann eine ziemlich kleine Auswahl, aber die passt dann.


Unsere erste Unterkunft, das Satri House, ein kleines Hotel mitten in der Stadt, besteht den Test. Das Haus hat einen verwunschenen tropischen Garten und gemütliche Zimmer mit alten, knarrenden Holzböden. Ich stelle die kleine Buddhafigur, die ich im Tempel für zwei Dollar von dem Mann im Schneidersitz gekauft habe, neben die Nachttischlampe. Mein neuer Talisman, denke ich und falle auch schon in einen tiefen Schlaf unter dem Ventilator.


Der Wecker klingelt um 5:00 Uhr. Mein Jetlag mag diese Zeit gar nicht, aber vor der Tür wartet ein Abenteuer, das ich auf keinen Fall verpassen möchte. Jeden Morgen wandern in Luang Prabang die mittellosen Mönche durch die Strassen, um ihr Essen bei den Einwohnern einzusammeln.


Auch Touristen dürfen am ‚Tak Bat‘, diesem jahrhundertealten Ritual teilnehmen. Und so mache ich mich noch vor dem ersten Kaffee mit einem kleinen Schemel unter dem Arm und einem Bambustöpfchen mit warmem, gekochtem Reis in der Hand auf den Weg zur Strasse.


Es ist fast ein bisschen aufregend, als ich mich dort mit meinen Kollegen in Position bringe und mir Nirna, unser Reiseführer, einen lilafarbenen Seidenschal als Schärpe um die Schulter legt. Wir sollen jedem der Mönche, die gleich in einer langen Reihe bei uns vorbeiziehen werden, ein Reiskügelchen in seine Schüssel geben. Ganz wichtig: die Männer weder anschauen noch berühren. Trotz der frühen Stunde ist hier auf der Hauptstrasse richtig Betrieb, neben den Einheimischen sind hier bestimmt 80 bis 100 Touristen unterwegs und überall wird gefilmt, geblitzt und ‚geselfied‘. Das macht die Stimmung kaputt und ist schwer auszublenden, geht es doch eigentlich um eine ganz würdige Tradition.


Die Sonne geht auf. Mit ernsten Mienen schreiten die ersten Klosterbewohner in ihren orangefarbenen Umhängen an mir vorbei. Männer jeden Alters, Kinder und Greise, ihre Köpfe sind kahl geschoren. Jeder trägt einen runden Metalltopf am Riemen über der Schulter, den die Menschen am Strassenrand nun füllen. Flink formen sie den Klebreis zu Kugeln, eine pro Mönch. Niemand spricht, auch kein Danke: Das Ritual erfordert Schweigen und auf Seiten der Mönche meditative Ruhe.


Nachdem ich 20 Reiskugeln verteilt habe, steige ich aus und schaue mir das Morgenritual lieber aus der zweiten Reihe an. Aus dieser Perspektive entdecke ich, dass in vielen Schüsseln schon mal eine Flasche Cola oder ein Hühnerbein liegt.


Um 6:30 Uhr ist der Tak Bat vorbei und wir schlendern weiter durch die Strassen. An dieser Stadt kann ich mich nicht sattsehen. Rund 80 buddhistische Heiligtümer gibt es hier. Allein im historischen Zentrum drängeln sich, in schönster Harmonie mit den alten Kolonialbauten der Franzosen, insgesamt 34 Tempel. Seit 1995 ist das Ensemble UNESCO-Weltkulturerbe. Wo immer man hinschaut: rote, grüne und golden schimmernde Pagoden und Schreine, Buddhastatuen und Reliefs.


Auch der Markt zieht mich sofort in seinen Bann. Diese Gemüsestände, diese Auswahl! Obst, das ich noch nie gesehen habe, türmt sich auf den Holzkarren. Pickelige ‚Corossol‘, Rosenäpfel und Zimtäpfel, die mit den Äpfeln in meinem Garten nicht einmal die Form gemeinsam haben.

Die Marktfrauen hier sind wieder herrlich entspannt. Niemand brüllt „buy here“, „please come“. Wir werden wie Gäste behandelt. Eine Dame im traditionellen Sarong bietet uns ein Stück Durian an. Der Verzehr dieser stacheligen Frucht wird in Südostasien zelebriert wie bei uns eine Weinprobe. Dabei ist schon der Geruch mehr als gewöhnungsbedürftig. Ganz ehrlich: Durian stinkt wie faule Eier mit Munsterkäse überbacken. Eine olfaktorische Herausforderung! Ich halte die Luft an und probiere ein Stück. Mein Gaumen ist erst verwundert und dann geschockt. Durian schmeckt tatsächlich so, wie sie riecht. Unfassbar. Die Marktfrauen amüsieren sich köstlich. Als ich frage, wie viel ich ihnen schulde, schüttelt die edle Spenderin nur mit dem Kopf. Mein Gesichtskino war ihr Bezahlung genug.

Doch das Abenteuer geht weiter. Erst entdecke ich gerupftes Geflügel und gegrillte Kröten, dann kommen Stände mit gebratenen Insekten. Und als ich gerade denke, dass diese Vielfalt nicht mehr zu toppen ist, mischen sich Vogelgezwitscher und seltsam kehlige Laute unter das Stimmengewirr. In Käfigen aus Bambusgeflecht sitzen da Spatzen, Reptilien, kleine Uhus, ein Opossum. Isst man in Laos etwa Opossum? Für mich sind Heuschrecken, Maden und Kröten schon ein kulinarisches ‚No-Go‘. Der Guide grinst. „Nein, die Tiere kauft man, um sie wieder freizulassen. Das ist eine gute Tat, eine Art Stoßgebet, mit dem man ein paar Pluspunkte im Universum sammelt.“


Mein Tierschützerherz kollabiert, ich bin kurz davor, alle Tiere zu kaufen und freizulassen. Aber ich weiss natürlich, dass das nichts bringt und dass dann morgen wieder genauso viele kleine Gefangene in den Käfigen hocken werden. Annette aus Russland hat ihr Herz für den kleinen Uhu entdeckt. Den nehmen wir mit, lassen ihn am Fluss im Grünen fliegen und hoffen, dass er sich nicht morgen wieder einfangen lässt.

Mit einer kleinen Bootsfahrt auf dem Mekong endet unser Tagesprogramm und ich freue mich auf ein Abendessen im wunderschönen Amantaka Hotel, unserer Unterkunft für die nächsten zwei Tage. Das alte Hospital wurde von der Aman-Gruppe total restauriert und erstrahlt heute im neuen Gewand. Rund um den Pool erstrecken sich in U-Form die langen Kolonialgebäude mit Suiten, eine schöner als die andere. Luxus, hier bist du zu Hause. Das Management ist jung und herzlich und Manager Tom überredet mich am nächsten Morgen, nochmals die Mönchszeremonie mitzumachen, dieses Mal im ‚Aman-Style‘.

Und das sieht schon ganz anders aus. Direkt vor der Hoteleinfahrt liegen fünf bunt bestickte Kissen auf dem Trottoir für fünf Gäste des Hotels. In der ganzen Strasse sind wir die einzigen Touristen. Die Prozedur ist die gleiche. Stumm verteile ich Reisbällchen, aber dieses Mal hat das Morgenritual mehr Würde und gipfelt darin, dass ein alter, fast zahnloser Mönch, der ganz am Ende der langen Gruppe läuft, vor mir stehen bleibt. Er hat den schwarzen Buddha, den ich bei mir habe, entdeckt und segnet die kleine Figur.


Mittlerweile sind auch meine Kollegen erwacht und wir starten in ein neues Abenteuer: ein Besuch bei den geretteten Elefanten von Prasop Tipprasert. Er schenkt den freundlichen Dickhäutern, die früher als Arbeitstiere missbraucht wurden, ein neues Leben in Würde. Was für mich wichtig ist: Anders als in vielen ähnlichen Einrichtungen wird hier nicht auf den Elefanten geritten. Sehr lobenswert! Von meinen Reisen nach Afrika weiss ich: Elefanten haben extrem empfindliche und gut durchblutete Haut, weshalb ihnen das Reiten Schmerzen bereitet.

Im Office der Foundation treffen wir den Elefantenflüsterer. Herr Tipprasert erklärt uns viel über seine ‚Gang‘, wie er seine Elefantenherde nennt. Dabei hat jedes Tier seine eigene und leider oft traurige und brutale Geschichte in Gefangenschaft hinter sich. Heute, sagt Prasop, sind alle seine Tiere gut drauf. Wie ihm das gelungen ist, will ich wissen. Schließlich können traumatisierte Elefanten – ähnlich wie wir Menschen – depressiv oder im schlimmsten Fall sogar aggressiv werden. Prasop Tipprasert lächelt: „Ganz einfach. Wir behandeln sie wie Kinder. Wir geben ihnen Liebe und spielen mit ihnen.“


Das schauen wir uns jetzt live an. Ein Ranger verteilt Stiefel und Wasserflaschen. Kaum haben wir das Ruderboot bestiegen und auf halber Strecke den Fluss überquert, raschelt es auch schon im Gebüsch und die Elefantentruppe kommt freudig angetrabt. Kluge Tierchen! Sie wissen natürlich, dass wir körbeweise Bananen dabei haben. Mit den süssen Früchten wollen wir das Eis brechen. Während wir das Obst verteilen, sprechen unsere Betreuer mit ruhiger Stimme mit den grauen Riesen. Sie haben weder Stöcke mit Haken noch andere Waffen bei sich, um die Tiere auf Abstand zu halten

Die Elefanten bewegen sich behutsam, sind freudiger Stimmung. Dieses Verhalten erinnert mich an meinen Hund, wenn er merkt, dass wir gleich Gassi gehen. Und tatsächlich brechen wir bald darauf zu einem gemeinsamen Spaziergang auf. Ich marschiere mit drei Elefanten durch den Busch. Es fühlt sich an wie ein Sonntagsausflug ins Grüne. Der junge Elefantensohn macht immer wieder Unsinn, verschwindet hinter Büschen und trötet vor sich hin, um dann an der nächsten Lichtung wieder mit flatternden Ohren auf die Truppe zu stoßen. Seine Mama nimmt es gelassen und läuft entspannt hinter mir her.


Während der ersten Minuten drehe ich mich immer wieder um, traue dem Frieden nicht so ganz, aber diese Elefantendame ist wahrlich zutraulich und trottet einfach hinter mir her. Nur wenn ich stehen bleibe, kommt sie näher, um neugierig an meinen Händen zu schnüffeln. Welch ein Erlebnis! Verschwitzt und glücklich geht es danach zum Flughafen, zum nächsten Abenteuer: Kambodscha.


Mein letzter Besuch in Siem Reap ist schon einige Jahre her und es wird Zeit für ein ‚fresh up‘. Bei der Ankunft bemerken wir gleich den Unterschied zu Laos. Hier heisst es nicht ‚please don’t rush‘. Der Flughafen groß und hektisch, der Tourismus ist hier schon lange im großen Stil angekommen. Aber wen wundert es. Schließlich ist die Tempelanlage Angkor Wat eines der beeindruckendsten Weltkulturerbe-Monumente der Welt.


Die prächtigen steinernen Zeitzeugen aus dem Königreich der Khmer (zwischen 802 und 1295 erbaut) haben eine bewegte Geschichte von Krieg und Frieden hinter sich. Als das Handelszentrum des Reiches in die Region des heutigen Phnom Penh verlegt wurde, verlor Angkor an Bedeutung. Der Dschungel eroberte das Gebiet, auf dem einst rund eine Million Menschen wohnten, zurück. Die riesigen Urwald-Bäume überwucherten die meisten der rund 1’000 Tempel und sprengten mit ihren mächtigen Wurzeln im Laufe der Jahrhunderte die Steinformationen, um sie dann auf magische Art wieder zu umarmen. Angkor ist eine steingewordene Ewigkeit!


Es ist wohl eher ein europäischer Mythos, dass die Anlage völlig in Vergessenheit geriet und erst im 19. Jahrhundert von dem französischen Forscher Henri Mouhot wiederentdeckt wurde. Vielmehr nutzten Reisbauern und Fischer durchweg die Ruinen. Wahr ist aber, dass nach der Veröffentlichung der Reiseberichte von Mouhot Forscher aus aller Welt in die Region reisten und die umfangreiche Restaurierung in Gang gesetzt wurde.

Auch in Siem Reap heisst es früh aufstehen. Um 6:00 Uhr sitzen wir auf einem Mäuerchen an einem Seerosenteich gegenüber dem Angkor-Wat-Tempel und warten. Welch ein Anblick, als die Sonnenstrahlen die verwunschene Silhouette der Tempel im ersten Moment rot umhüllt, um sie dann langsam in ein gelbliches Licht zu tauchen und ihre Konturen zu schärfen. Nach 20 Minuten ist es dann hell und der Zauber vorbei. Es hat sich gelohnt, so zeitig aus dem Bett zu fallen. Begleitet von ein paar liebenswerten Streunerhunden, die auf ein halbes Brötchen oder ein gutes Wort hoffen, gehen wir mit unserem Guide dann in die Anlage


Am Gesichtertempel von Bayon in Angkor Thom besteht Annette darauf, dass ich mich für ein Foto so aufstelle, dass es aussieht, als würde meine Nasenspitze die von Buddha berühren. Zugegeben: Wir haben dieses Motiv nicht erfunden. Vielmehr klauen wir die Idee von drei jungen Mönchen, die sich kurz vor uns so aufgestellt haben. Später stellen wir fest: Die drei haben die Inspiration ihrerseits von Instagram – lustig.


Der Tag vergeht wie im Flug. Am Abend bitten wir unseren Guide, uns in ein Restaurant zu führen, in dem die Einheimischen essen. Er ist erst etwas verunsichert. Meinen wir das wirklich ernst? Immer wieder erklärt er, dass es da wirklich ‚basic‘ ist und nicht so ganz hygienisch und voll und, und, und. Es kostet uns einige Überredungskunst, bis er uns schließlich in ein Lokal bringt, das er mit seiner Familie selbst öfter besucht.


Ja, genau so wollten wir das! Wir sitzen auf wackeligen Plastikstühlchen, auf dem Tisch eine Blümchendecke und eine Karte nur auf Khmer. Wir bestellen querbeet und keine zehn Minuten später biegt sich der Tisch unter endlosen Töpfen. Lecker!

So gestärkt sind wir bereit für das nächste Highlight: ein Besuch im Zirkus Phare. Gegründet wurde dieser Ort von neun jungen Männern, die ihre persönlichen Traumata der Schreckensherrschaft der Roten Khmer mit Kunsttherapie verarbeitet haben.


Wir sitzen dicht an dicht mit wildfremden Menschen im Zirkuszelt. Platzkategorie VIP, das heisst in dem Fall: Wir sitzen in der ersten Reihe direkt vor einem röhrenden Klimagerät so groß wie ein amerikanischer Kühlschrank, es weht eine echt steife Brise. Mal schauen, wer von unserer kleinen Gruppe morgen mit Halsweh schwächelt. Dennoch, wer Kategorie VIP gebucht hat, scheint es gut getroffen zu haben; in Kategorie B ist es unerträglich heiß, es werden Fächer verteilt.


Die Vorstellung ist herzerwärmend, diese Künstler erzählen mit ihren kleinen Showstücken und hoch anspruchsvoller Akrobatik Geschichten über ihr Land und die Menschen – und zwar so gut, dass sie schon auf Tournee waren und der Cirque du Soleil einen ihrer Künstler engagiert hat.


Für mich gehört der Zirkus Phare zum Pflichtprogramm in Siem Reap. Er ist authentisch, unerwartet und man tut noch etwas Gutes, denn 75 Prozent der Einnahmen gehen an eine Schule, an der 1’200 Kinder täglich kostenfrei unterrichtet werden.


Zehn Hotels und drei Reiseleiter später (nur zwei Hotels haben es ins Portfolio geschafft, zwei Reiseleiter leider nicht) geht es weiter in den Westen von Kambodscha. Wir machen auch hier eine Bestandsaufnahme in Phnom Penh, streichen das berühmte Raffles Hotel von der Liste – die müssen dringend ein paar Millionen in die Hand nehmen, damit man hier wieder wohnen möchte – und fahren vier Stunden lang in die Wildnis.

Genauer gesagt in den Cardamom National Park in das Shinta Mani Wild. Schon die Anreise ist ein Abenteuer. An einer 380 Meter langen Zipline sause ich über Baumwipfel hinweg in die Lodge und lande direkt in der Bar! Da wartet schon der Barkeeper mit einem starken Cocktail. Ich schaue mich um. Hier passt nichts zu nichts – und doch alles zusammen. In der Ecke steht ein Papageienstuhl, über der Bar hängt ein Holzpferd mit einer Kette von Fruchtbarkeitssymbolen, daneben an der Wand ein verblichenes Foto von Jackie Kennedy, die 1967 auf Einladung von Prinz Sihanouk Kambodscha bereist hat.


Die Lodge ist das ‚pièce de résistance‘ – das ‚Meisterwerk gegen alle Vernunft‘ von Bill Bensley. Bensley – der Name sagt Ihnen nichts? Sie haben bestimmt schon in einer Kreation von ihm übernachtet. Über 200 Hotels weltweit, unter anderem das Four Seasons in Chiang Mai und in Koh Samui, stammen aus seiner kreativen Feder. Der Architekt und Designer ist ein bunter Typ, passt in keine Schublade und je älter er wird, desto mehr entfernt er sich vom Üblichen. Aus contemporary wurde eklektisch.

Hier, im Dschungel von Kambodscha, hat er noch mal einen draufgelegt. Im Shinta Mani Wild ist das ‚wild‘ Programm. Das fängt bei der Natur an, die die Lodge umgibt. Der Cardamom National Park ist einer der größten Urwälder Südostasiens. Hier leben noch Elefanten, Affen, Tiger, Leoparden und der Malaienbär. Um dieses Naturjuwel zu schützen, hat Bill Bensley 160 Hektar in dieser Wildzone gepachtet. Ranger patrouillieren im Dschungel und garantieren den Tieren Schutz. Gleichzeitig werden durch die Lodge Arbeitsplätze für die umliegenden Dörfer geschaffen.


Die Anlage selbst fügt sich unglaublich unauffällig in die Natur ein. 16 Zelte, jeweils rund 100 Quadratmeter groß, stehen mit riesengroßem Abstand zueinander an einem rauschenden, klaren Fluss. Sie wurden auf Plateaus gebaut, ohne dass hierfür Bäume gefällt werden mussten, oder schweben gar in der Luft, um die gewohnten Wanderbewegungen der Tiere nicht zu stören. Was ein cooles Projekt. Wild, außergewöhnlich und mit ganz viel Verantwortung. Chapeau, Mr. Bensley!

An unserem letzten Reisetag machen wir einen Ausflug zu einem Dorf in der Nähe. Als ich mir dort eine Flasche Wasser kaufen will, purzelt mir der kleine schwarze Buddha aus der Tasche, landet auf einem Stein und zerspringt in zwei Teile. Ich schaue entsetzt nach unten. Doch bevor ich reagieren kann, bückt sich auch schon ein alter Mann, hebt die beiden Stücke auf und presst sie aneinander. Erste Hilfe für meinen Buddha. Es wird aufgeregt durcheinander gerufen. Ein Jugendlicher rennt los, kommt kurz darauf mit einer Tube Sekundenkleber zurück. Unter größter Anteilnahme der Umstehenden fügt der alte Mann meinen Talisman zusammen und überreicht ihn mir mit großer Geste: „Buddha will travel with you“, sagt er. „He will bring good luck.“

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