Europas kleine Schatzkiste, Georgien

Ein gutes Gefühl... Freiheit


Seit vier Tagen übe ich die Aussprache des wohl wichtigsten Wortes auf Georgisch: „Gagimardschoss.“ Zu Deutsch: „Prost.“ Einen Toast auf das Leben! Die Frauen! Die Gesundheit! Den schönen Tag! Am ersten Abend habe ich nach dem zwanzigsten Toast aufgehört zu zählen, da hatten wir aber auch schon auf meine Mutter, meinen Hund und auf meine rosafarbenen Schuhe angestoßen.


Georgien liegt quasi in der hintersten Ecke Europas Richtung Asien und wird deshalb auch der Balkon Europas genannt. Nach dem letzten Fünf-Tage-Krieg mit den Russen 2008 sehen sie es wahrscheinlich auch so am liebsten.

Das kleine Land ist ungefähr so groß wie Bayern und hat 4,5 Millionen Einwohner, ein Viertel davon lebt in Tiflis. Diese uralte Stadt ist ziemlich jung geblieben. Sie ist lebendig, laut, quirlig und liberal. Hier steht die Synagoge entspannt neben der orthodoxen und der armenischen Kirche. Die Altstadt erinnert an Süditalien. Von den Häusern aus dem 18. Jahrhundert blättert der Putz, die schmiedeeisernen Balkone neigen sich bedenklich nach unten. Hier reiht sich ein romantisches Restaurant ans nächste, zwischendurch schräge Klamotten-Läden und Kneipen, in denen regelmäßig Livekonzerte und Lesungen stattfinden. Nach der Lektüre sitzen die Gäste noch lange zusammen, diskutieren und loben interessante Ideen und Betrachtungen mit einem oder mehreren fröhlichen ‚Gagimardschoss‘. Neben russischem Plattenbau stehen Häuser mit historischen Fassaden und hochmoderne Glasbauten, toller Mix.

Unser Hotel ‚The Rooms‘ ist speziell, aber trendig. Moderne Kunst und schräge Deko konkurrieren mit dem historischen Aufzug mit eisernen Flügeltüren. Die offenen Duschen sind wie Kabinen auf einem edlen Segler mit dicken Holzplanken ausgelegt. Leider steht nach kurzer Zeit das halbe Bad unter Wasser, cooles Design, aber nicht wirklich praktisch.

Das Bett ist ein Traum, die geheime wie leidenschaftliche Liebschaft im Nachbarzimmer dagegen leider ein Alptraum. Die Zimmer sind wahnsinnig hellhörig, weshalb an Schlaf in der ersten Nacht nicht zu denken ist. Der Witz an der Sache: So gegen 08:00 Uhr kehrt im Nachbarzimmer dann Ruhe ein, und als ich kurz danach meine Haare föhne, klopft das Nachbarpärchen energisch an die Wand, ich war wohl zu laut. :-)

Am nächsten Morgen dann ein Besuch bei einem traditionellen Weinbauern. Die Geschichte lehrt uns, dass der Wein aus Georgien kommt, angeblich wurde er hier vor 8’000 Jahren erfunden und erstaunlicherweise wird er auch heute noch ganz nach alten Rezepten vergoren. Wein ist der Exportschlager des Landes, ein bisschen gewöhnungsbedürftig für meinen Gusto, da unglaublich kräftig im Geschmack. In kleinen Weingütern wird er auch heute noch nach der Lese mit den Füßen gestampft, dann ein paar Tage im Glasgefäß gelagert und zum Schluss in riesige Tonkrüge, die in die Erde eingelassen sind, abgefüllt. Diese Krüge sind so groß, dass die Menschen, die sie reinigen, mit einer Leiter hinabsteigen. Da sie beim Schrubben die Weindämpfe einatmen, müssen sie während der Arbeit pfeifen, so bekommt der Kollege oben mit, ob einer in Ohnmacht gefallen ist.

Gegessen wird, nach dem Besuch im Weinkeller, georgisch. Und das heißt in erster Linie: reichlich! Man bestellt kein Tellergericht, sondern teilt sich diverse Speisen. Und erst wenn der Tisch unter der Last verschiedenster Platten fast zusammenbricht, dann ist das Abendessen perfekt. Es beginnt mit Salaten und hausgemachtem Brot, in dem Käse oder Grünes eingebacken ist, dann kommen Eintöpfe aus Gemüse, Innereien, Lamm und Huhn, danach gegrillter Fisch und Barbecue. Was auch nie fehlt, sind Chinkali, das sind Teigtaschen mit Hackfleisch und Brühe. Die Brühe trinkt man aus, bevor man den Rest kaut, alles in einem Zug, das braucht ein bisschen Übung.


Und ja, ob Sie wollen oder nicht, mindestens ein Mal gibt es das Dinner dann auch mit einer Folkloreschau. Das mögen die Georgier und diese Darbietung wird stets ziemlich laut. Meine amerikanische Kollegin sagte mir, sie habe, seit sie in Osteuropa lebe, generell eine größere Toleranz für Lautstärke – anscheinend gewöhnt man sich daran. Uns bleibt allerdings nur die Flucht auf die Terrasse.


3’100 Kilo, 6 Gänge, 122 PS und ein gutes Gefühl: Freiheit

Ja, Tiflis ist ein Erlebnis, aber morgen beginnt das eigentliche Abenteuer: mit dem Land Rover Defender quer durchs Land. Ich kann – inklusive Traktor – eigentlich alles fahren, was Räder hat, aber richtiges Off Road im Gebirge ist neu für mich. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon. So ist der Beginn unserer Freundschaft dann auch eher holprig, unser Kennenlernen wird gleich abgewürgt. Darum taufe ich den weißen Defender, in den ich am nächsten Morgen steige, auch ‚the grumpy horse‘. Wenn man es gewohnt ist, einen Romika-Schuh zu fahren – sprich ein modernes Auto mit Automatik – dann ist so ein Land Rover erst einmal eine Herausforderung. Es fängt damit an, dass drei Pedale bedient werden möchten, und zwar von zwei Füßen, und dass der erste Gang eigentlich gar nicht stattfindet.


Nach einigem Ruckelzuckel wird unsere Strecke schnell sportlich. Es geht über Stock und Stein, 90 Grad rauf und runter, geduscht durch die Bergflüsse (Fenster war noch offen), rein ins Schlagloch, ‚Entschuldigung‘ an die französische Kollegin auf der Rückbank. Raus aus dem Schlagloch, ‚Entschuldigung‘ ans Getriebe, doch ein Gang zu hoch. Nach 20 Kilometern sind wir dann ein Team. Welch Freude! Dieses Auto ist kein ‚grumpy horse‘, es ist ein ‚working horse‘. Ich hatte keine Vorstellung davon, was dieses robuste Wunder der Technik leisten kann.

So langsam wie möglich, so schnell wie nötig, das ist die Devise. Und wenn dann low and high gear dazukommen, dann ist man wirklich OFF Road. Und genau das ist in Georgien der beste Plan, denn die ganz besonderen Schätze liegen so weit entfernt in der Pampa, dass man dort als normaler Tourist im Minibus gar nicht hinkommt.

Die 1’250 Kilometer führen mich durch wunderbare Landschaften und kleine, verwunschene Orte. Unterwegs entdecken wir Kirchen und Höhlen, die so einsam sind, dass die dort lebenden Menschen fast erstaunt sind, uns zu sehen. Immer wieder machen wir die gleiche Erfahrung: unglaublich herzliche Gastfreundschaft, die fast beschämt. Je weniger diese Leute haben, umso mehr teilen sie mit uns.


Zum Beispiel Priester Aleksandre in seinem ziemlich verfallenen Pfarrhaus mit einer Bienenzucht im Garten. Nach unserem Kennenlernen dauert es keine fünf Minuten, bis er in die Küche geht, um seinen Kühlschrank für uns zu leeren. Unser Protest wird überhört, freudestrahlend teilt er das Wenige, das er da findet, mit uns und legt es vor uns auf den Tisch: Brot, Käse und Honig, dazu selbst gemachter Cacha. Wir stoßen an. Schmeckt ein wenig wie Grappa, hat aber mindestens die doppelte Umdrehung. „Gagimardschoss!“

‚Wir‘, das sind Reiseexperten aus aller Herren Länder, eine wilde Truppe, die sich zu einer Gelände-Rallye quer durch Georgien verabredet hat. Unser russischer Instruktor ist gebaut wie ein stabiler Kleiderschrank und mit einem Herz aus Gold – so einer, den man sich wünscht, wenn es eng wird. Dazu kommen meine Kollegen aus Singapur, Belgien, Frankreich und Georgien.


Multikulti also. Irgendwie färbt auch die große Gastfreundschaft des Landes auf uns ab. Nachmittags bei der Fahrt nach Kazbegi überholen wir einen Chinesen auf einem Fahrrad. Er hat viele Taschen dabei, trägt einen Schlapphut und überwindet voll wildem Elan die Steigungen und Schlaglöcher.

Kurz nachdem wir den Pass überquert haben, entschließen wir uns, Rast zu machen. Gerade als wir unseren Proviant ausgeladen haben und uns zum Essen setzen wollen, brummt ein Motorrad den Berg hoch. Ganz selbstverständlich winken wir den Fahrer herbei. Der lässt sich nicht lange bitten und stoppt. Es ist Robert, ein Pole, auf einem Fünf-Wochen-Trip quer durch Osteuropa. Im Schlepptau hat er vier Kollegen. Kurz darauf sehen wir ein bekanntes Gesicht: Der Chinese auf seinem Rad. Der hält auch sofort an und stürzt sich auf das Essen.


Ein irrer Typ, Juju, kommt aus Xiang. Dort ist er vor sechs Monaten mit seinem Drahtesel losgefahren und will bis nach Rom, zum Papst. Ich frage ihn, wo er denn unterwegs übernachtet. „Hier in Georgien klopfe ich auch schon einmal abends einfach an eine Haustür und lerne ganz wunderbare Menschen kennen“, sagt er.


Zum Abschied füllen wir seine Taschen mit Hühnerschenkeln, Frikadellen und Käse und schauen ihm noch lange nach, bis er als Punkt im Rückspiegel verschwindet. Ich bin tief beglückt. Was für ein herrliches Picknick, was für wunderbare Begegnungen! Gerne würde ich solche Momente in eine Flasche füllen und ab und zu einen Schluck davon nehmen, sobald mir mein normales Leben zu profan erscheint.


Zurück im ‚grumpy horse‘ heisst es plötzlich: „We have to turn!“ – umdrehen bitte! Und das mitten im Off Road. Rechts die Felswand, links der Abgrund! Es fühlt sich an, als würde ich den 3’100 Kilo Defender quasi auf einem Salatblatt wenden. Da hilft nur ‚Johnny cool‘ und durch.

Doch die größte Herausforderung kommt noch: die Off-Road-Strecke bei Kazbegi, hoch in die kaukasischen Berge zur Dreifaltigkeitskirche. Nach 30 Minuten Schlaglochstrecke parke ich, inzwischen nass geschwitzt, am Wegrand in der grünen Wiese. Hier, auf 2’170 Metern, liegt diese steinerne Kirche – ganz unverhofft zwischen den gewaltigen 5’000ern. Der Wahnsinnsblick entschädigt voll für die rumpelige Anfahrt.

Abends dann eine sehr charmante Überraschung unserer lokalen Agentur, ein privates Dinner bei einer georgischen Familie. Mama Leila kocht und macht mit uns auch noch einen Schnellkurs, wie man Chinkali (die leckeren Teigtaschen) herstellt. Ihr Sohn grillt das Fleisch auf einem selbst gebastelten Holzkohlegrill im Hof und der Herr des Hauses schenkt nach und nach und nach. Der Tisch biegt sich wieder einmal unter den Köstlichkeiten, die Leila im Sekundentakt in ihrer Miniküche zaubert. Ein kalorienreicher, herzlicher, feuchtfröhlicher Abend, der dann noch von einem Hohepunkt gekrönt wird: Ein Herrenchor aus dem Ort gibt sich die Ehre.


Georgien ist eine kleine Schatzkiste, geschichtlich hochinteressant, die Menschen sind liebenswert und gastfreundlich, wie wir es wirklich nicht mehr kennen. Und dann kommt noch das Abenteuer Off Road dazu. I like!


Darauf ein ‚Gagimardschoss‘!

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