Wenn Elfen helfen in Island


Island ist eine Welt für sich. Die Wunder der Natur, teilweise atemberaubend schön, teilweise unglaublich fordernd, sind das Maß der Dinge. Sowohl für die Menschen, die hier leben, als auch für die Touristen. Das Wetter kann sich innerhalb von Minuten wandeln – von Hochsommer zu Eisregen. An vielen Orten ist die Erdkruste so dünn, dass der Boden darunter kocht und dampft und bei jedem Schritt einbrechen kann. Ein paar Kilometer weiter liegt viele hundert Meter dickes Eis über dem Schlund eines aktiven Vulkans, der nur mal gerade Pause macht. Der Einfluss der Natur spiegelt sich auch in den Mythen und dem Glauben an das ‚kleine Volk‘, die Elfen und Trolle, wider. Zeit, den ‚kleinen Menschen‘ einmal wieder einen Besuch abzustatten.


Meine beiden Reisebegleiterinnen sehen plötzlich so verändert aus. Es ist keine eineinhalb Stunden her, dass Annette, Lea und ich in Keflavík gelandet sind, und schon sind wir vollkommen im Bademodus. Statt ins Hotel hat uns unser Chauffeur direkt vom Flughafen in die ‚Blaue Lagune‘ gefahren – ein 5’000 Quadratmeter großes Open-Air-Schwimmbad. Dort hocken wir vergnügt giggelnd bis zum Hals in heißem Thermalwasser und schmieren uns weißen Silicia-Schlamm ins Gesicht und auf die Arme.


Ursprünglich sollte das Wasser, das hier aus 2’000 Metern Tiefe gepumpt wird, nur zur Wärmegewinnung und Strom-erzeugung genutzt werden. Doch als bekannt wurde, dass das warme Nass auch viele wertvolle Nährstoffe wie Mineralsalze, Kieselerde und Algen enthält, ließen die ersten Badebesucher nicht lange auf sich warten. Heute ist die künstliche Lagune eine beliebte und unglaublich weitläufige Wellnessoase.


Von dichten Dampfwolken umhüllt, genießen wir den surrealen Blick über schwarze Sandfelder und scharfkantige Lavabrocken, die hier und da von dickem, grünem Moos überwuchert werden, und erleben – sozusagen hautnah – unser erstes isländisches Highlight. Es ist die perfekte Einstimmung auf dieses unfassbar schöne und beeindruckende Land, das wir in den kommenden zwölf Tagen bereisen wollen.

Reykjavik und seine ungewöhnlichen Sehenswürdigkeiten...

Mit herrlich weicher Haut, völlig tiefenentspannt, beziehen wir unser Haus in Reykjavík – ein historisches Gebäude, das zur Deplar Farm gehört, die wir am Ende unserer Rundreise im Norden besuchen werden. Unsere Gastgeberin, die uns heute empfängt, heißt Björk. Wie isländisch passend. Genau wie ihre überlangen blonden Haare, die zu einem dicken Zopf geflochten über dem Cape aus Schafwolle liegen. Eine Wikingerin 2.0, sehr cool und unglaublich nett. Mit offener Herzlichkeit zeigt sie uns die Zimmer und lädt uns auf einen Drink an der Bar ein.


Dass wir unsere Koffer die Treppe alleine hochbugsieren müssen, wundert uns zwar – aber wie wir im Laufe der Reise lernen, scheint den meisten Isländern diese Art der Gästebetreuung fremd zu sein. Motto: Wer seinen Koffer nicht selber tragen kann, ist in diesem Land falsch. Aber was soll’s, andere Länder - andere Sitten.


Als ich neben Annette am Tresen im Wohnzimmer sitze, fragen wir Björk, ob es denn so was wie ein isländisches Nationalgetränk gibt. Sie lächelt, greift ins Regal und stellt mit Schwung eine Flasche Schnaps auf den Tresen. „Das ist Brennivín, ein 40-prozentiger Kartoffelschnaps mit Kümmelaroma“, erklärt sie und öffnet den Deckel, damit wir daran riechen können. Wow, das ist stark! Ich verziehe das Gesicht und sie schmunzelt. „Brennivín schmeckt pur niemandem. Traditionell mischt man den Schnaps mit Leichtbier. So bekommt es etwas mehr Wumms und schmeckt dann fast wie echtes Bier.“


Das verstehe ich nicht. „Warum trinkt man denn dann nicht gleich reguläres Bier?“, will ich wissen. „Weil reguläres Bier bis Ende der 1980er in Island illegal war. Das Bierverbot war ein Überbleibsel der isländischen Prohibition – aber man wusste sich eben mit Brennivín zu helfen.“ Aha. Na dann skál – wir prosten uns zu und lauschen weiter Björks Erzählungen über die Eigenheiten ihrer Landsleute.


Schon das Morgenritual der Einwohner ist ungewöhnlich: Der Isländer beginnt den Tag mit einem Bad in einer heißen Quelle, oftmals im sogenannten ‚Hot Pot‘. Stellen wir uns also vor, da sitzen morgens alle miteinander in diesen dampfenden Töpfen: Politiker neben Hausfrauen, Journalisten, der Bäcker von nebenan und obendrein der Klassenlehrer der 7b. So lassen sich in aller Ruhe die Tagespolitik und weitere wichtige Themen diskutieren. Anschließend geht es über ‚beheizte‘ Bürgersteige in den Arbeitsalltag.


Reykjavík ist eine farbenfrohe und quirlige Hauptstadt, die mittlerweile auch edle Unterkünfte bietet. Das Nachtleben war schon immer ausschweifend – Sperrstunde ist hier 04:30 Uhr morgens. Auf der einen Kilometer langen Hauptstraße Laugavegur reiht sich von der Diskothek bis zum Rocker-Café ein Laden an den anderen. Auch Gourmets kommen in dieser Stadt auf Hochtouren, denn die Isländer kochen wie die Weltmeister. Außerdem sind manche Lokale so urig, bestückt mit umhäkelten Speisekarten oder alter Schiffsausrüstung, dass man ins Staunen gerät. Selbst ein Bistro, in dem Waschmaschinen laufen und eine große Bibliothek zum Verweilen einlädt, ist darunter.



Ein Naturwunder jagt das nächste...

Am nächsten Tag geht es weiter mit den Superlativen – aber der anderen Art. Im Nationalpark Thingvellir zerreißt ein monumentaler Graben die Welt. An diesem mystischen Ort driften die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatte auseinander. Tektonische Verschiebung nennen das die Geologen. Im Erdinneren bricht die Erdkruste immer wieder auf, Magma tritt aus, setzt sich in den Riss und erstarrt.


Wenn wir also aktuell das Gefühl haben, dass die USA und Europa sich voneinander entfernen – es stimmt. Jedes Jahr ein bis zwei Zentimeter! „Bye, bye home!“, ruft Annette und winkt wehmütig in Richtung Amerika. Meine Kollegin ist gebürtige US-Amerikanerin und lebt als Reisedesignerin seit vielen Jahren in Russland. Sozusagen ein doppelter Witz.

Hier auf diesem gigantischen Spalt zu spazieren, ist schon ein komisches Gefühl, wenn man sich vorstellt, welche gewaltigen Kräfte unter unseren Füssen kämpfen!


40 Kilometer weiter dampft der Boden. ‚Stóri Geysir‘, der Grosse Geysir, und seine kleinen Ableger können hier bestaunt werden. ‚Geysa‘ ist das isländische Wort für Herausspritzen. Und so ist diese Springquelle Namensgeberin für alle heißen Fontänen dieser Art weltweit.

Geysire können da entstehen, wo enge Gesteinskanäle ins Erdinnere führen. Sickerwasser wird durch Magma auf weit über 100 Grad aufgeheizt, ohne zu kochen. Irgendwann ändern sich die Druckverhältnisse und das überhitzte Wasser wird in die Luft geschleudert. Stóri selber ist seit einigen Jahrzehnten nur noch selten aktiv. Er liegt wie ein großes, hellblau leuchtendes Auge in der unwirklichen Ebene von Haukadalur.


Ich bin fasziniert von dieser Farbe und versuche ein Foto zu machen, da höre ich hinter mit ein grollendes Donnergeräusch. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie ein paar Meter weiter eine Wasserblase aus dem Boden steigt. Wie eine riesige Qualle liegt sie für einen Moment da, zieht sich wieder ein wenig zusammen und rast plötzlich als Wassersäule gen Himmel. Ein gigantischer Springbrunnen, 25 Meter hoch. Das Wasser wird in der Luft zerstäubt und ein feiner Sprühregen benetzt mein Gesicht. Wahnsinn, dieses Naturerlebnis, das sich bei Strokkur alle fünf bis zehn Minuten wiederholt. Wir können uns nicht stattsehen, warten eine Eruption ab, die nächste, die übernächste!


Island kommt mir vor wie ein Versuchslabor für ‚Special-World-Effect‘. Da reiht sich an diesem Tag quasi nahtlos gleich noch ein Höhepunkt ein: der Wasserfall Gulfoss, der nur 40 Kilometer entfernt liegt. Hier rauschen 110 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Tiefe und produzieren dabei zauberhafte Regenbögen.


Dass es diesen Ort überhaupt noch in voller Schönheit gibt, ist der Bäuerin Sigríður Tómasdóttir zu verdanken. Eine steinerne Tafel am Wasserfall erinnert daran, dass sie 1920 verhinderte, dass englische Geschäftsleute hier einen Staudamm errichten und Strom erzeugen wollten. Sigríður beauftragte Rechtsanwälte, redete mit Politikern – doch als all das nicht zu helfen schien, drohte sie damit, sich in die Fluten zu stürzen. Irgendwie hat das imponiert. Als die englischen Geschäftsleute einmal die Pacht zu spät zahlten, konnte der bestehende Vertrag aufgelöst werden und Gulfoss war gerettet. Gut gemacht Sigríður! Noch so eine gestandene Frau! Gefällt mir!


Für die meisten Touristen endet nach einem Tag im sogenannten ‚Goldenen Dreieck‘ das Island-Abenteuer. Sie haben oft nur einen, zwei oder maximal drei Tage auf der Insel, meist auf dem Weg in die USA mit Icelandair. Ein Fehler – denn eigentlich geht die Reise erst jetzt richtig los! Wir wollen das ganze Land, das knapp unterhalb des Polarkreises liegt, einmal umrunden. 1’400 Kilometer lang führt die Ringstrasse Nr. 1 rund um die Insel.

Tomaten in Island? Ja...

Bevor wir ins Hotel fahren, machen Annette und ich einen Abstecher in das ‚Tomatenparadies‘. Zwar wachsen auf der kargen Insel kaum Bäume und Sträucher, dennoch gehören die Tomaten, die hier gedeihen, zu den leckersten der Welt. Für die nötige Wärme sorgt auch hier die Geothermik. Heißes Wasser aus dem Erdinneren wird in Rohren durch die Glashäuser eingeleitet. Hummeln, in Kartons aus Holland und Belgien importiert, bestäuben die Pflanzen. Familie Fridheimar hat aus ihrer Plantage eine Attraktion gemacht und bietet seit einiger Zeit Führungen über das Gelände an. Später sitzt man dann im Gewächshaus, genießt Tomate pur und in allen Variationen als Suppe, Ketchup, Bloody Mary. Ist ein bisschen touristisch, aber hochinteressant.

Am Abend checken wir in einem sogenannten Designerhotel ein, also auf den ersten Blick alles stimmig weiß durchgestylt. Aber dann trifft man alte Bekannte, das Bücherregal Billy, Bett Malm und Kleiderschrank Pax, sieht ein bisschen wie ein Ikea-Vorführraum aus, wird uns die nächsten Nächte noch oft begegnen.


Nach einer kurzen Nacht starten wir durch Richtung Süden. Warum die Nacht kurz war? Nicht etwa wir, sondern die Sonne ist nicht zu Bett gegangen. Um Mitternacht war es noch so hell wie an einem Sommertag in Deutschland und selbst die dunklen Vorhänge (natürlich Ikea) konnten dieses Gefühl, am helllichten Tag zu schlafen, nicht ganz abschalten.

Von Steinmännchen, Feen und Trollen...

An der Küste entlang fahren wir vorbei an gefühlt endlosen Lavafeldern. Das scharfzackige schwarze Gestein ist vielerorts von dichten Mooskissen bedeckt. Das grüne Polster ist so einladend weich – ich bin mir sicher, hier legen sich die Trolle schlafen. Nach zweieinhalb Stunden kommen wir nach Laufskálavarda. In diesem Gebiet ließen sich die frühen Siedler nieder, die zwischen 870 und 930 aus Norwegen nach Island kamen. Dort, wo früher ein großes Gut gestanden haben soll, ragen heute bizarr geformte Lavafelsen in die Höhe. Im Laufe der Zeit hat sich die Tradition entwickelt, dass jeder Reisende, der zum ersten Mal an der Stelle vorbeikommt, hier ein Steinmännchen errichten soll, um Glück für die weitere Reise zu erhalten. Angeblich sorgt das staatliche Straßenbauamt sogar dafür, dass immer genügend Steine für touristische Neubauten vorhanden sind.


An anderer Stelle ist das Steinmännchenbauen nämlich verboten. Die Isländer gehen davon aus, dass alles in der Landschaft seinen Platz hat, weshalb man möglichst wenig verändern soll. Auch nachfolgende Besucher sollen dasselbe Naturerlebnis haben wie man selbst. Und nicht zuletzt wachsen auf den Steinen farbenprächtige Flechten und Moose, die durch das Umschichten Schaden nehmen könnten. Bei dem rauen Klima Islands kann man schnell Pflanzen zerstören, die Jahrzehnte zum Wachsen benötigt haben.


Wer so viel unterwegs ist wie wir Reisedesigner, muss sich ja auch nicht überall verewigen, beschließen Annette, Lea und ich, machen einfach ein Erinnerungsfoto vor einem kleinen Steinturm, den jemand anders für uns gebaut hat und machen uns weiter auf Richtung Vatnajökull, dem größten Gletscher Islands. Seine Fläche beträgt rund 8’100 Quadratkilometer, was etwa 8 Prozent der Fläche Islands entspricht und die Eisschicht ist an den mächtigsten Stellen bis zu 900 Meter dick – da drunter liegt ein Vulkan, der Loki-Fögrufjöll. Langsam nähern wir uns diesem gigantischen Eisbrocken und fragen uns, wie schnell das Eis wohl schmilzt, wenn sich von unten, bei einer Eruption, Lava ausbreitet, und gruseln uns gemeinsam bei der Vorstellung.


Island ist ein Land, das die Phantasie anregt. Sobald eine Straße einen ungewöhnlichen Bogen macht, vermuten wir, dass wir da wohl gerade eine Feen-Burg umfahren haben. Feen, Trolle und Kobolde haben im Alltag der Isländer einen ganz selbstverständlichen Platz. Eine Umfrage hat ergeben, dass 10 Prozent der Isländer fest an die Existenz übernatürlicher Wesen glauben. Weniger als 50 Prozent glauben nicht dran…


Seit 2012 stehen magische Bauwerke oder Versammlungsplätze offiziell unter Schutz. Um sie nicht zu zerstören, werden mit dem größten Selbstverständnis Straßen verlegt oder Baupläne geändert. Schließlich will man keinen Ärger wie vor einigen Jahren in Siglufjörður im Norden des Landes: Bauarbeiter hatten versehentlich einen Felsen, der neben der Straße stand, zugeschüttet. In den Tagen danach passierten viele seltsame Dinge. Baumaschinen funktionierten nicht mehr, ein Arbeiter verletzte sich schwer, ein Besucher fiel in ein Matschloch und musste gerettet werden und schließlich wurde sogar die Straße von Wasser überflutet. Irgendwann schwante den Verantwortlichen, dass all diese Unglücke vielleicht mit dem verschütteten Stein zu tun haben könnten. Auf Anweisung des staatlichen Straßenbauamts wurde der Elfenfelsen wieder freigelegt und – um die magischen Wesen zu besänftigen – sogar mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Klingt wunderbar verrückt – aber Fakt ist: Seither halfen die Elfen und der weitere Ausbau verlief problemfrei.

Die Landschaft bleibt auch im weiteren Streckenverlauf karg. Trotzdem staunen wir uns von einem Kilometer zum nächsten, bis wir an der Lagune von Jökulsárlón ankommen. Die Gletscherzunge des Vatnajökull endet hier in diesem See, Fachleute nennen das auch ‚kalben‘. Immer wieder brechen dabei kleine und größere Eisberge ab und treiben, wie gigantische Menthol-Lutschbonbons, in der Lagune. Ein Naturschauspiel, so schön, dass mein Auge es kaum fassen kann.

Nach einer Gletschertour übernachten wir bei Höfn in einem der isländischen 4-Sterne-Kettenhotels. Ikea-Design schon in der Lobby. Wir werden überaus freundlich von einem sehr athletisch aussehenden Herrn mit rotem Vollbart begrüßt, der uns dann aber die Koffer selber schleppen lässt. Stimmt ja, Dienen ist nicht in der DNA hier! „Island hospitality style“, ruft Annette belustigt und hilft mir (lädiertes Knie) mit meinem Gepäck. Annette – sie ist meine helfende Elfe. :-)


Drei Wasserfälle der Superlative: Skógafoss, Seljalandsfoss und Dettifoss

Drei Tage später kommen wir in Reykjahlíð an. Unsere Liste der schönsten Wasserfälle, die wir je in unserem Leben gesehen haben, ist mittlerweile beachtlich gewachsen. Ständig diskutieren wir, welches dieser Naturschauspiele denn nun noch ein bisschen unglaublicher ist. Der Skógafoss, hinter dem eine sagenumwobene Schatzhöhle liegen soll? Oder der 65 Meter hohe Seljalandsfoss? Der Hraunfossar, der auf fast 700 Metern Länge direkt aus dem schwarzen Lavagestein sprudelt – oder doch der Dettifoss, den wir gerade heute Morgen erst gesehen haben? Er ist – knapp vor dem Rheinfall in Schaffhausen – der leistungsstärkste Wasserfall Europas.



Zurück zu Reykjahlíð. In dem Städtchen im Nordosten Islands wohnen nur 250 Einwohner. Es gibt zwei kleine Hotels, einen Dorfladen und einen Miniflughafen. Dorthin fährt oder fliegt man, um den berühmten Mývatn zu besuchen, den Mückensee. Seinen Namen verdankt er – richtig – den Mücken. Im Sommer fühlen sich diese an dem flachen See recht wohl, denn hier schlüpfen ihre Larven unter besten Bedingungen. Keine Sorge! Die meisten stechen nicht, sondern rauschen im Hochsommer wie kleine schwarze Tornados übers Land. Schöner Nebeneffekt: Der See ist ein Fischparadies und Heimat zahlreicher und auch seltener Entenarten.


Das Gebiet rund um den Mývatn ist immer noch vulkanisch hochaktiv, da auch hier die eurasische an die amerikanische Kontinentalplatte stößt. Die Lavaformationen sind außergewöhnlich und der gigantische Anblick des Explosionskraters des Hverfjall ist ein berühmtes Fotomotiv. Östlich davon liegen die Solfatarenfelder: Hier blubbert eine riesige Schlammpfütze neben der anderen munter vor sich hin, manche der Tümpel tun dies ganz gemütlich, andere kochen richtig hoch und spritzen ihre graue Brühe über mehrere Meter in die Höhe. Man fühlt sich wie in einem dampfenden Waschsalon, denn überall zischt und brodelt es – herrlich. Schade nur, dass die alte Badegrotte mittlerweile auch auf 60 Grad heizt, da wird es nichts mit einem romantischen Bad im heissen Quell.

Das holen wir aber mehr als nach bei unserem letzten Stopp und eigentlichen Ziel der Reise: Deplar Farm. Hier treffen wir uns mit zehn weiteren Reisedesignern aus der ganzen Welt zu unserem jährlichen Meeting. Vor einigen Jahren habe ich dieses Netzwerk gegründet. Alle Mitglieder sind Spezialisten für besonders hochwertige, komplizierte, außergewöhnliche Reisen. Wir helfen uns gegenseitig mit unserem Know-how und reisen auch ab und an gemeinsam zu besonders entlegenen oder, wie in diesem Fall, speziellen Lodges, um sie auf Herz und Nieren zu testen. Und diese Farm ist nach der etwas ‚rustikalen‘ Hotellerie in Island eine große Überraschung. Dabei wirkt das Anwesen von außen gar nicht protzig. Im Gegenteil, das Dach des alten Bauernhauses, in dem früher einmal Schafe gezüchtet wurden, ist mit Gras bewachsen und fügt sich so wunderbar in das weite Tal ein. Dass diese Bepflanzung im Winter gut die Wärme speichert, im Sommer aber wie ein Hitzeschild wirkt, wussten schon die Wikinger.

Drinnen dann eine Ode an den guten Geschmack, Designklassiker statt Ikea-Möbel, hochwertige Stoffe, eigenwillige Kunst gemischt mit Reminiszenzen an das alte Gutshaus. Zu verdanken hat Island dieses außergewöhnliche Refugium einer amerikanischen Familie. So wie manche Menschen Autos, Kunstwerke oder Luxusuhren sammeln, so ist die Deplar Farm Teil ihrer Kollektion von zurzeit zwölf privaten Feriendomizilen, die meistens zwei Dinge gemeinsam haben: Sie liegen in der völligen Abgeschiedenheit und sind umgeben von atemberaubender Natur.


Nach der langen Fahrt heute führt uns der erste Weg in den Geothermalpool. In der Wellnesshalle im Erdgeschoss tauchen wir ein in das dampfende Wasser und schwimmen von dort in die einsetzende Dämmerung nach draußen, genießen die Weite dieser einsamen Landschaft.

Auf einmal öffnet sich leise eine Luke im Grashügel neben dem Badebecken und Barmann Victor winkt uns zu. „Something to drink, Ladys?“ Wenig später reicht er uns aus der Vertiefung, in die die Bar eingelassen ist, frisch gepresste Smoothies. Für Lea extrascharf mit Ingwer und Chili – das hat er sich von ihrem Begrüßungsdrink heute Nachmittag gemerkt. Gastfreundlichkeit in Perfektion! Es gibt sie also doch auf Island.

Ganz im Sinne des Eigentümers ist Deplar ein Outdoorparadies. Vor der Tür parkt ein Hubschrauber, der besonders in der Heliski-Saison im April und Mai täglich zum Einsatz kommt. Und im Sommer? Da kann man sich fast nicht entscheiden, so viele Abenteuer warten: Surfen, Fischen, Trekking, Fat Bikes, Reiten, Kajakfahren, die Liste ist lang. Und es gibt auch kein schlechtes Wetter, denn zum Service gehört eine komplette Outdoor-Ausstattung von den Gummistiefeln bis zum Neoprenanzug, alles da in allen Größen.

Wir entscheiden uns fürs Reiten. Islandpferde sind schließlich legendär! Bis heute leben viele Tiere mit ihren Herden halbwild auf riesigen kargen Flächen. „Diese Freiheit macht sie zu einzigartigen Geschöpfen“, sagt Reitlehrerin Tjorven, als sie uns am nächsten Morgen abholt. Dann stellt sie mir Lux vor, einen nicht besonders großen, milchschokoladebraunen Hengst. „Sie sind voller Leben, sind selbstbewusst und neugierig: kleines Pferd – grosses Herz.“ Ich muss schmunzeln, als ich später auf dem Rücken des Pferdes sitze. Ich habe immer das Gefühl, meine Füsse würden den Boden berühren. Die Ponys haben ein Stockmaß von maximal 1,50 Meter und fünf Gangarten, darunter den Tölt, einen Galopp, der so geschmeidig ist, dass sogar Anfänger damit klarkommen. Ist wie ein Ritt auf dem Sofa und macht einen Riesenspass.


Wir reiten los, es weht ein schnittiger Wind und ich sehe meine Kollegin, die noch nie auf einem Pferd saß und ursprünglich gar nicht mit wollte, mit wehenden Haaren sichtlich vergnügt im Tölt an mir vorbeirauschen. Plötzlich bleibt Lux stehen, wiehert und läuft in weitem Bogen um eine Senke herum. In der Kuhle liegen drei glatt geschliffene Steine – ein Ort der Kleinen Menschen? Ich streichle ihm den Hals. Gut gemacht! Wir wollen ja keinen Ärger mit den Elfen!

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