Immer wieder Indien

Vana, Tempel der Entschleunigung



Wenn sich das grosse Eingangstor an der Mussoorie Road hinter mir schliesst, tauche ich ab in eine andere Welt. Es fühlt sich an, als würde ich mich in einen Kokon aus Geborgenheit und Wohlgefühl zurückziehen. Hinter mir liegen, wie jedes Mal, wenn ich hierherkomme, einige stressige und arbeitsreiche Monate, und es ist wieder Zeit für eine Auszeit. Die nehme ich mir mindestens einmal im Jahr hier in diesem Tempel der Entschleunigung in Dehradun in Nordindien, unweit der Grenze zu Nepal.


„Vana einen Spa zu nennen, wäre, wie vom Taj Mahal als Sommerhaus zu sprechen“, schreibt das britische Reisemagazin ‚Condé Nast Traveller‘. Auch ‚Wellnessklinik‘ oder ‚Luxus-Resort‘ trifft es meines Erachtens nicht. ‚Fünf-Sterne-Ashram‘ passt besser: Rückzug, Loslassen vom Gewohnten, gesünder werden, das alles auf High-End-Niveau, darum geht es hier.

Namaste! Welcome home...

Schon die Begrüssung ist eine Erholung: „Namaste Mrs. Stephanie, welcome back! How are you and what about your knee? We missed you.“ Das Empfangsteam ist seit Jahren das gleiche: die charmante Anjali und ihr Kollege Kumar, die mir mittlerweile nur noch den Kugelschreiber für die Unterschrift reichen, mein Pass und alle wichtigen Angaben liegen ja vom letzten Mal noch vor. Ich bin bei dieser ganzen persönlichen Ansprache immer erst einmal gerührt, es fühlt sich ein bisschen wie ein Zuhause an, ein Ankommen und nicht ein klassisches Einchecken wie in all den anderen Hotels.

Ein Becher warmer Apfeltee, ein Freundschaftsbändchen ums Handgelenk und das obligatorische Bindi auf die Stirn (ein roter Pulverpunkt zur Segnung), dann geht es mit dem Buggy schon los durch den Park zum Resort. Die Formalitäten sind erledigt – ab jetzt wartet nur noch Entspannung auf mich.


In der grossen Halle im Hauptgebäude hört man das Plätschern des Brunnens, dazu aus der Ferne die leisen, beruhigenden Klänge eines Flötenspielers. Hier drinnen ist es angenehm kühl, und durch die riesigen Glaswände sieht man in den prächtigen, exotischen Park mit seinen sattgrünen Bäumen. So fühlt sich Urlaub an, und in Vana riecht der auch noch gut, denn überall stehen kleine Luftbefeuchter, die den Duft von Zitronenmelisse und Jasmin verdampfen.


Vana ist ein Ort für Menschen, die Heilung und Erholung suchen. Ayurveda, Yoga, tibetische und chinesische Medizin gehen hier gemeinsam mit indischer Gastfreundschaft eine einzigartige Verbindung ein. 85’000 Quadratmeter misst das Areal am Fusse des Himalayas – das ist so gross wie zwölf Fussballfelder. Zwischen Mango- und Litschibäumen blühen wilde Orchideen. Statt kunstvoll arrangierter Blumenbeete, wie man sie aus den typischen indischen Palasthotels kennt, ziehen die Gärtner Biogemüse und pflanzen kleine Duftoasen voller Basilikum, Thymian und Minze. In die Vegetation schmiegen sich die Bauten des mallorquinischen Stararchitekten Antoni Esteva. Für indische Verhältnisse sind die 86 hochmodernen Zimmer und Suiten ungewöhnlich puristisch.

Ich packe schnell meine Sachen in die Schränke und springe in die Dusche – hier stehen schon das Duschgel, der Conditioner und das Shampoo für meinen „Typ“ bereit: „Vata“ ist auf die Keramikflakons geschrieben.


Im Ayurveda werden die Menschen nach drei Lebensenergien eingeteilt: Vata, Kapha und Pitta. Sind die im Gleichgewicht, dann ist alles bestens. Sind sie es nicht, gilt es, das mit der ayurvedischen Heilkunst wiederherzustellen. Der Vata-Typ, von dem ich wohl am meisten abbekommen habe, ist „wechselhaft“, kreativ und leicht besorgt zugleich. Beim Pitta-Typ stelle ich mir einen schnell erregbaren, etwas unruhigen Menschen vor. Die Kapha-Typen, das sind eher ruhigere Vertreter, die oftmals auch einen etwas breiteren Körperbau haben – so ist zumindest meine etwas profane Übersetzung. Die Experten sagen, dass mir zum Gleichgewicht Kapha und Pitta fehlen. Vata habe ich genug. Hoffe, das Shampoo weiss das auch.

Maia und ihre wohltuende Hände...

Nach Zitrone und Amber duftend, schlendere ich danach erfrischt durch den Park zum Ayurveda Center. Und da steht sie schon, Maia, meine Lieblingstherapeutin, eine wohlgerundete Inderin mit gütigen Kohlenaugen und kräftigen Händen. Sie strahlt über das ganze Gesicht. „Namaste, welcome home, so good you’re back!“ Ich folge ihr in das abgedunkelte Behandlungszimmer.

Die Füsse werden mit warmem Sesamöl kurz durchgeknetet, nach der Kopfmassage widmet sie sich dem Rest des Körpers. „Stephanie, you look much better than in December, but your shoulder is even more worse, I can feel it.“ Well, wenn du wüsstest, wie viele Stunden am PC in diesen Muskeln stecken… Sie legt los, und ich merke erst in diesem Moment, wie schwer die Anspannung der letzten Monate auf meinen Schultern lastet, bretthart und „autsch“. Erst nach 60 Minuten lässt der Schmerz nach. Am Schluss schlafe ich sogar selig unter ihrer Ölmassage ein. Ein schöner Einstieg.

Yoga, wir begrüßen den Tag...

Mein nächster Tag beginnt um sieben Uhr auf einer blauen Matte. Vor mir im Yogapavillon steht Aashish wie angewurzelt auf einem Bein und zeigt mir den „Baum“. Meiner schwankt wie ein Bambus im Wind, doch Aashish bringt mich rasch ins Lot. Ich lerne Aufrichtung, fliessende Atmung, endlose Dehnung und den Sonnengruss – eine Abfolge von Strecken, auf den Boden, Hohlkreuz, Halbliegestütz, Buckel und zurück. Angeblich werden bei dieser Übung 95 Prozent der Muskeln im Körper aktiviert, der Geübte macht diese schweisstreibende Runde dann zwölf Mal täglich. Nach einer Stunde Yoga ist im Körper irgendwie mehr Platz, es kommt mir vor, als wäre ich drei Zentimeter länger. Herrlich, jetzt fängt der Tag besser an als sonst, mit körperlichem Wohlgefühl und auch etwas mehr Gelassenheit – das ist ein weiterer guter Nebeneffekt der Atem- und Konzentrationsübungen.

Dr. Singh, was machen wir in den nächsten Tagen?

Um zehn Uhr konsultiere ich Dr. Avilochan Singh, Ayurveda-Arzt in vierter Generation. Wir kennen uns jetzt schon lange. Ich war sein erster Gast in Vana, bevor das Resort überhaupt eröffnet wurde. Der freundliche Mediziner trägt zur weissen Kurta einen dunkelroten Turban und strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Seine Pulsdiagnose beeindruckt mich. Als er die Finger von meinem Handgelenk nimmt, weiss er mehr über meinen Körper und mich als mein Hausarzt nach zwanzig Jahren.


Ihm entgeht eigentlich nichts, man hat das Gefühl, er durchschaut einen. Ich bekomme sofort ein schlechtes Gewissen, denke an die vielen Tafeln Schokolade, die schnellen Mittagessen im Stehen und die langen Abende am Schreibtisch. „Hmmm, you worked too much and you think too much, it is really time now to relax“, er sagt das ruhig, aber verbindlich, eine Ausrede fällt mir nicht ein…

Sein Programm für mich die nächsten Tage: von allem ganz wenig, dafür viel Massage, Meditation und Ruhe. Das kommt mir entgegen, und wir einigen uns auf maximal eine Stunde Büroarbeit am Tag – so ganz ohne Kommunikation mit meinem Büro funktioniert Entspannung nämlich auch nicht. Der Rest gehört der Ruhe und ihren guten Geistern.


Drei Massagen, fünf Liter warmes Wasser und zwei Mittagsschläfchen später fühle ich mich sehr viel entspannter, aber heute, am zweiten Abend meines Aufenthalts, auch irgendwie groggy. Neun Tage habe ich noch vor mir mit einem ganz klaren Ziel: totale Erholung.

Was ist dieses Vana eigentlich?

Das Konzept stammt von einem ambitionierten Inder, Veer Singh, der fünf Jahre lang den Start dieses besonderen Resorts vorbereitet hat.

Der 35-Jährige aus New Delhi hat Physik in London studiert, war Biofarmer in Indien und Spanien. Beides sensibilisierte ihn für die Verletzlichkeit unseres Ökosystems. Als ihn seine Familie mit einem Resort-Konzept für Vana beauftragte, war das sein „Wink des Schicksals“, wie er sagt. Denn „Wellbeing“ ist für den Veganer kein touristisches Profitmodell, sondern ein Lebensgrundsatz, den er mit anderen teilen will: In Vana isst man bio, schläft in nachhaltig produzierter Bettwäsche und erlebt ein Gesundheitsprogramm, das einem auf Leib und Seele geschneidert wird.

Um diesem hohen Anspruch gerecht zu werden, hat Veer Singh nicht nur in die Hardware investiert und ein hochmodernes, ästhetisch durchdachtes Resort gebaut. Er setzte gleichzeitig einen Schwerpunkt bei der Zusammenstellung des Teams. Nur die besten Ärzte aus Indien wurden engagiert, zusammen mit ihm dieses einzigartige Projekt zu gestalten. Hier sollen Gäste aus aller Welt ganz mit sich und der Natur ins Reine kommen.

Wie wäre es mit Meditation?

Tag 3 beginnt später als geplant, denn der heroische Vorsatz, um 7:00 Uhr am Yoga teilzunehmen, fällt dem Jetlag zum Opfer. Dafür gibt es um 11:00 Uhr eine Einführung in die tibetische Meditation bei einem sehr liebenswerten Doktor. Soweit ich ihn verstehe, meditiert man, indem man an seine Liebsten, sein tägliches Umfeld, aber auch an seine Feinde denkt und ihnen durch die eigene meditative Ruhe Kraft und Frieden gibt. Die Idee ist bei mir so passend, wie den Bock zum Gärtner zu machen, denn ich bin mehr als 6’000 Kilometer gereist, um genau diesen mal ein paar Tage zu entfliehen. So sind wir uns nach 15 Minuten einig, dass der ehrenwerte Ansatz zumindest verfrüht sei. Er nimmt es gelassen.

Dr. Needles, ich freue mich wirklich sehr...

Kurz darauf folgt der Höhepunkt meines Tages: Ich treffe Dr. Uniyal wieder, der bei meinen Kunden den Spitznamen Dr. Needles hat. Ihn und seine Akupunktur habe ich seit Dezember tatsächlich vermisst. Wir beide haben damals schon gute Gespräche geführt über Medizin, alternative Lebensweisen und darüber, wie man gesund und glücklich lebt. Heute Morgen geht unser Gespräch da weiter, wo wir aufgehört haben, wie bei zwei guten Freunden, die sich nach langer Zeit wiedersehen. Seine lange Pulsdiagnose bringt das vertraute Thema Essen auf den Tisch. Zu wenig Essen = zu wenig Energie = zu wenig Power in extremen Situationen. So einfach ist das. Ich muss lächeln, so gesehen ist meine Haribo-Tonne, die ich heimlich eingeschmuggelt habe, also fast schon eine medizinische Notwendigkeit, oder?

45 Nadeln später geht es mir schon wieder ein ganzes Stück besser. Interessant, diese Pieksdinger fallen raus, sobald man Stress verspürt. Zum Beispiel dann, wenn das Setzen einer weiteren Nadel am Bein weh tut, verliert die Nadel am Kopf einfach den Halt.


Es ist erstaunlich wie sich Vana in den letzten fünf Jahren entwickelt hat. Immer mehr hochspezialisierte Therapeuten ergänzen das Team. Es gibt jetzt sogar einen Doktor für Fussreflexzonenmassage. Hört sich erst einmal harmlos an, bis man dann seine erste Sitzung dort hat. Es fühlt sich an, als würde er mit meinen Füssen sprechen. Er streicht über die Innenkanten und stellt fest, dass ich mit meiner linken Schulter Probleme habe. Einem der Gäste, der ein paar Zimmer weiter wohnt, ein Rockstar aus England, hat er mit wenigen Sitzungen die Migräne genommen. Bei mir führte die Behandlung zu einem zwölfstündigen Tiefschlaf.


Neu im Team ist auch ein Physiotherapeut mit goldenen Händen, Ashis. Bei ihm werden Gelenke beweglich, dicke Knie schwellen ab, Hüften stehen wieder gerade, und der ganze Körper richtet sich auf.

Noch mehr Entspannung...

Für meine Tiefenentspannung ist wie jeden Nachmittag Maia zuständig. Heute hat sie Unterstützung von einer Kollegin, denn es soll getrommelt werden: nach einer sanften Abhyanga-Massage arbeiten die Damen zu zweit mit Stempeln an mir weiter. Dazu werden Baumwollsäcke mit einem Pulver aus vielen verschiedenen Kräutern gefüllt und erwärmt. Daraufhin werden sie in rhythmischer Abfolge auf den Rücken und die Beine gepresst. Die Wärme, das Trommeln und natürlich die heilenden Kräuter sollen es dann richten. Mal schauen. Die Behandlung ist auf jeden Fall der Hit, und nach 90 Minuten auf der Liege bin ich tiefenentspannt im Hier und Jetzt.

Phänomenal, das habe ich jetzt jeden Tag vor mir! Vielleicht sollte ich nicht verraten, dass es mir schon viel besser geht, denn möglicherweise kürzen Maia und ihre Kollegin dann meine Massage und schicken mich stattdessen öfter ins Gym…

...aber auch Training und Schweiß mit Mr. Sweet Pain!

Denn die Personaltrainer dort sind eine echte Herausforderung. Nishant, mit dem ich alle zwei Tage trainiere, hat seinen Spitznamen auch schon weg: Mr. Sweet Pain. Sein Trainingsprogramm ist faszinierend. Er zeigt mir, wie ich ohne Maschinen oder Hanteln, nur mit meinem Eigengewicht, meinen Körper zu Höchstleitungen treibe. In jeder Trainingsstunde ist ein anderer Körperbereich das Hauptthema: also Beine, Bauch, Schultern oder Arme. Drumherum wird gedehnt, konditioniert und viel erklärt. Zum Beispiel der Zusammenhang zwischen dem Computer und den Nackenschmerzen oder der Leistungsfähigkeit in Relation zu den eigenen Essenszeiten. Mr. Sweet Pain hat ein Gespür dafür, wenn ich kurz davor bin, schlapp zu machen: Dann fängt er an, rückwärts zu zählen: Anstatt 11, 12, 13, 14 höre ich plötzlich nur noch „4, 3, 2, 1 you made it, perfect.“ Das hört „Frau“ gerne und tritt am nächsten Tag freiwillig wieder an.

Mmmmhhh...

Apropos Essenszeiten und Essen: Ich kann an meinem Wohlbefinden messen, wie gut diese Regelmässigkeit der festen Essenszeiten meinem Körper tut. Ich nehme mir vor, das relativ frühe Abendessen künftig auch zu Hause beizubehalten, es schläft sich einfach besser so.

Kulinarisch dreht sich bei mir seit Beginn meiner Kur alles um Granatapfel und Gemüse. Ersterer ist ein Blockbuster für die Gesundheit, weshalb mir immer eine Schale mit frischen Granatapfelkernen serviert wird. Darüber hinaus gibt es viel Grünes und Suppen. Das Beste ist das indische Frühstück. Mein Lieblingsgericht ist Idli, gedämpfte Reisküchlein, dann Dosa, eine Art Pfannkuchen, und anschliessend ein Gericht, das ich nicht aussprechen kann, wie kleine Minigemüsepizza – auch lecker. Alle drei Gerichte kommen mit zwei Aufstrichen und einem Schüsselchen Linsensauce namens Sambar. Ich könnte mich daran gewöhnen, denn das ist viel aufregender als mein tägliches Vollkornbrot mit Quark bei mir zu Hause.

Grundsätzlich ist Vana auch ein Tempel für Gourmets. Die täglich wechselnde Speisekarte liest sich wie ein Michelin-Star-Menü, und alles ist frisch und richtig lecker. Es gibt natürlich viele pikante vegetarische Gerichte, aber auch sehr kreative und schmackhafte Gerichte mit Huhn, Fisch oder Garnelen. Die meisten Gäste schlemmen sich täglich durch die ganze Karte.


Für die, die ein besonderes Ziel vor Augen haben, zum Beispiel ein paar Kilo zu- oder abzunehmen, zu entschlacken oder einer Allergie zu Leibe zu rücken, entwirft der Doktor zusammen mit dem Küchenchef einen besonderen Fahrplan. Manches wird weggelassen oder durch eine andere Zutat ergänzt, eigentlich schmeckt alles hervorragend. Nur bei einer Panchakarma-Kur, bei der der Körper komplett entgiftet wird, wacht ein paar Tage lang Schmalhans über das Menü.

Bis ganz bald...

Meine Auszeit ist fast vorbei. Der letzte Tag ist ziemlich dynamisch geplant. Auf mich wartet noch einmal das volle Programm: Yoga, Massage, Gym, Nadeln und dann das Vorher/Nachher-Gespräch mit Dr. Singh. Der ist hochzufrieden mit dem Ergebnis, das ich erzielt habe. Sein Lob tut gut und motiviert, die lange Liste mit Empfehlungen, die er mir mit auf den Heimweg gibt, auch ernst zu nehmen.

Nur eine Sache hat er mir strikt verboten: Joghurt, der wäre für meinen Körper ganz, ganz schlecht.



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