Weihnachten in Indien

Eat carefully, pray while driving, love the change...


Weihnachten 2014, wieder einmal indisch. Die Lufthansa hatte Rückenwind und ich erlebte acht Stunden wie im Flug dank inflight Internet; perfekt um die „to do”-Liste über den Wolken abzuarbeiten. Vor mir lagen 1887 Kilometer einmal rund um die südliche Halbinsel zusammen mit meinem Weihnachtsmann :-) Fahrer Rajesh – sehr ambitioniert – er muss mit Vettel verwandt sein.


23. Dezember 2014

Um Mitternacht dann Chennai, das Gateway zum Süden. Die sechstgrößte Stadt des Landes mit gefühlt 7 Millionen Menschen umarmt den Touristen nicht. Das „Detroit” Indiens ist tatsächlich nur ein Gateway: laut, dreckig, industriell. Hier haben die Engländer 1639 angefangen und ihre Hinterlassenschaft ist Teil der Stadtbesichtigung. Das Fort, die erste englische Siedlung, ist wie ein kleiner Vatikan. 65 Kilometer entfernt (jaja, aber 2 Stunden Fahrt) stoppten wir dann in Kanchipuram – die Stadt der 1000 Tempel. Noch vorhanden sind davon ca. 200 und die sind nicht nur echt beeindruckend, sondern auch Wallfahrtsstätte der Hindus.

Shiva ist hier allgegenwärtig, die Tempel in Kanchipuram sind groß und geheimnisvoll, die Menschen in Ekstase, die Bilder vor meinen Augen faszinierend. Es wird meditiert, gezündelt, sich auf den Boden geworfen und gesegnet. Für 200 Rupien gibt es gute Worte und einen roten Punkt auf der Stirn, der große Segen mit Gesang ist allerdings etwas teurer.


Immer wieder begegne ich Gruppen von Indern, die ganz in rot gekleidet sind und zu einem besonderen Tempel pilgern. Die „Roten” kommen in typisch indischen Reisebussen, also das Modell Anno Tobak, das total bunt angemalt ist und meistens so alt und defekt, dass es noch in den Parkplatz rein rollt, aber danach nur mit Hilfe von 20 schiebenden Indern wieder zum Fahren kommt.

Als nächstes erblickte ich ganz viele Männer mit schwarzem Rock und Halskette: Sie befinden sich alle auf einer Reise der Besinnung, denn sie beenden nach 45 Tagen Entzug von irdischen Genüssen ihre „Fastenzeit” in einem Tempel auf dem Hügel. Hier gibt es dann auch Absolution und glaubt man meiner Führerin, hängt danach auch der Haussegen nicht mehr schief. Fünf Tempel und viele „Augenblicke” weiter bin ich heute Abend in Pondicherry angekommen. Die Inder nennen es ein kleines Dorf, das kann ich bis dato nicht bestätigen, aber mehr davon morgen.


Namaste und Merry Christmas, Maaaam aus Südindien.


More to come. Ach so, die Tempel sind Barfußzonen, das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn dort wird der pedikürte Fuß zum Minensucher, der besorgte Sockenträger zum Außenseiter.


26. Dezember 2014: Pondicherry

Zum ersten Mal habe ich durchgeschlafen und ohne Jetlag ist meine Reise noch aufregender. Dann morgens vor der Haustür: Willkommen in Frankreich. Zumindest für fünf Straßenzüge. Pondicherry war nämlich DIE Bastion der Franzosen. Und so sieht es hier auch aus, wie in einer Kleinstadt in der Provence, etwas irritierend ist allerdings die Kulisse der bunten Saris.


Das Beste: der Kaffee. Ich sage ja immer: nichts vom Straßenrand. Aber der gute Kaffee ist schon eine Sünde wert. Sein süßes Aroma erhält er durch eine Brise Zichorie.


Über einen Kanal von Indien nach Frankreich hin zu einer Kirche mit eigenem TV-Sender

„Do you have your passport?”, fragt mein Guide und lächelt. Denn die Stadt besteht aus zwei Teilen: Zum einen aus der weißen Stadt mit französischen Villen und baumgesäumten Straßenzügen und zum anderen aus der schwarzen Stadt, die wiederum total indisch ist. Zwischen diesen Städten liegt ein Kanal. Nur fünf Meter sind es zu laufen und man wechselt quasi von Frankreich nach Indien. Und: An jeder Ecke gibt es eine schräge Geschichte. Zum Beispiel die über die katholische Kirche Sacred Heart, denn die hat ein ziemlich ungewöhnliches Marketing: der Gottesdienst ähnelt eher einer Party, die Deko ist schrill und bunt und die Jungfrau Maria trägt einen Sari, weshalb die Fangemeinde groß ist. Die Kirche ist so beliebt, dass sie mittlerweile einen eigenen TV Sender mit dem passenden Namen Lourdes TV hat.

Hinter der Kirche gibt es dann ein paar sehr luxuriöse Häuser. Die gehören den zurückgekehrten indischen „Rentnern”, die sich meistens in der französischen Armee eine Staatspension erdient haben. Es waren damals viele aus der Kaste der Unberührbaren, die ausgewandert sind. Zurück kamen sie als Reiche, mit eigenen Fantasienamen, neuem Selbstbewusstsein und fast ein bisschen Standesdünkel – beim Abendessen zu Hause wird naturellement Französisch gesprochen.


Großes Kino der Sinne auf dem Blumen- und Gemüsemarkt

Ein weiteres Highlight ist der Blumen- und Gemüsemarkt. Hier erlebt man ein ganz großes Kino für Augen, Ohren und die Nase. Die Händler sind super nett, überhaupt nicht kamerascheu und irgendwie auch nicht so richtig vom Tourismus entdeckt. Ich hätte dort den ganzen Tag verbringen können. Danach wahrscheinlich mit zahlreichem Familienanschluss, denn die waren alle ganz goldig. Ich musste alles probieren und war danach mit Blumengirlanden dekoriert wie eine Tempeltänzerin.


Begegnung der „dritten” Art: Auroville

Nachmittags hatte ich dann eine Begegnung der „dritten” Art. Auroville, eine geplante internationale Stadt für Freidenker. Das hier ist eben kein Ufo, sondern der Mittelpunkt einer Ansiedlung 45 Minuten von Pondicherry entfernt, zu deren Grundsteinlegung Vertreter aus 121 Ländern ein Schäufelchen ihrer guten Erde dort in eine große Urne schippten. 50.000 Menschen sollen hier einmal leben, rund um dieses goldene Ei, das Matrimadir, eine riesige Meditationshalle. Beleuchtet wird es durch einfallende Sonnenstrahlen, die mit Hilfe einer Linse von Carl Zeiss über eine Kristallkugel im Innern durch das komplette Meditationszentrum geschickt werden können. Knapp 2000 Einwohner hat die Siedlung jetzt, darunter 10 Prozent Deutsche. Vielleicht war es am Anfang ein bisschen en vogue, ein bisschen Hippie, aber da hier hart gearbeitet wird, hat sich das mit dem Leichtsein wahrscheinlich schnell geklärt.

Die alten schwarz-weiß Fotos zeigen irgendwie Freiheit, Kinder auf Entdeckertour und Unkonventionalität. Ambitioniert, wenn man sich dann das Umfeld Südindiens drumherum anschaut.


Südindien – Land der großen Schatzsuche

Ja, mir schwirrt der Kopf und die Augen können das alles kaum noch aufnehmen. Dieses Land ist wie eine große Schatzsuche: aufregend, faszinierend und immer wieder für eine große Überraschung gut. Und manchmal hat es auch kein Internet, daher klappt es mit dem Reisetagebuch nicht so ganz pünktlich wie geplant. Aber sobald ich wieder Empfang habe, gibt es mehr davon, dann zum Thema der Götter, Tempel und Zeremonien.


Namaste oder Namaskar, die sprechen hier einfach alles.


Ab dem 27. Dezember 2014

Langsam bekomme ich einen Überblick zum Tempelgeschehen. Jeder Gott hat ja sein Reittier, also Ganesha hat die kleine Maus, Vishnu den Garuda und Lord Shiva den pompösen Stier. Die Reittiere parken immer im Eingang, so ist eine schnelle Orientierung möglich.


Der Ablauf des Tempelbesuches ist folgendermaßen: Erst die Schuhe im Schuhstall abgeben, dann anstellen – und das meist an einer langen Schlange, was ziemlich kuschlig ist, weshalb man keine Berührungsängste haben sollte. Manchmal geht es mit ein paar geschickt platzierten Rupien auch schneller. Durch große Tore und Säulenhallen drängen die Menschenmassen zum heiligen Inneren, der Zutritt hierzu ist allerdings nur Hindus gestattet, für den Tourist endet die Tour davor. Aber das macht nichts, denn im ganzen Tempel ist es unglaublich aufregend. Überall sind kleinere Nischen mit „Altaren”, blumengeschmückten Statuen der Götter, davor Ölkerzen und tief in sich gekehrte, betende Menschen. Die innere Kamera nimmt alles auf, der eigentliche Knipser aber wird kaum eingesetzt, denn irgendwie fällt es mir schwer so private, tief religiöse Momente banal zu fotografieren. Immer habe ich das Gefühl, das gehört sich nicht. Stundenlang könnte ich mich hier in diesen ominösen schwarzen Hallen aufhalten und schauen, schauen, schauen. Zusammen mit dem Gemurmel der Betenden und den schweren Gerüchen der Öllichter und Speisen, die als Opfergaben überall bei den Göttern verteilt werden, ist die Luft dick, die Atmosphäre aufgeladen, fremd und surreal.


Einer der wichtigsten Tempel, der Chidambaram Tempel, auf dem Weg von Pondicherry nach Tanjore, hat mich am meisten beeindruckt. Er ist eine Besonderheit, da er nicht unter der Verwaltung der Regierung, sondern von den Priestern direkt geführt wird. Und das sind sehr, sehr spezielle Burschen – fast ein wenig Angst einflößend. Ihre Zeremonien sind wesentlich eindrucksvoller und ich hatte Glück, denn es fand gerade eine ganz besondere Puja statt: laute Gebete und Beschwörungen, die Priester versammelt vor einem Schrein, drum herum gefühlt 1000 Gläubige in Ekstase, dicht gedrängt um die Zeremonie, die Stimmung dampft, mein Deo versagt.


Den technischen Zwischenstopp in Tanjore verbuche ich unter dem Kapitel: Hotel spezial, auf das ich in einem späteren Blogbeitrag nochmals näher eingehen werde. Soviel vorab, es war das erste „Hotel” seit langen Jahren, in dem ich eine Sesselkante unter das Türschloss geklemmt habe.



Von Hotelwüsten und Badewannen-Monstern

Am nächsten Tag ging es dann weiter Richtung Madurai mit einem bemerkenswerten Stopp in Trichy: dem Krematorium. Hier warten die Priester auf die Verbliebenen um zusammen zu beten – verbrannt wird auf der gegenüberliegenden Flussseite. Verliert beispielsweise ein Sohn seinen Vater, dann muss er hier 13 Tage lang mit den Priestern beten und sprechen, damit dann an einem bestimmten Tag der Vater oben auch Anschluss findet. Verbrannt wird übrigens innerhalb von 6 Stunden, so will es der Brauch.

Meine nächste Übernachtung war in Madurai, auch hier erlebte ich eine dramatische Hotelwüste. Anschließend folgten lange Strecken, um nach Kabini zu kommen, mit einem Zwischenstopp in der Pampa, und endlich: Ich habe das Golden Marigold Hotel gefunden … es war unglaublich. Doch so ist das eben hier in Südindien: Alle Manager sind ganz furchtbar wichtig und selbst im 1 Sterne Hotel, sind sie ganz stolz auf ihre Bruchbude. Und ehrlich, die sind teilweise so goldig, ich kann denen gar nicht böse sein – schließlich kennen sie ja nichts anderes. Neuester Trend in Südindien: Jacuzzi Villas, drum herum bricht alles zusammen, der Heißwasserboiler ist entweder defekt oder sprüht elektrische Funken, der Klodeckel fällt aus der einzigen, verbliebenen Schraube, aber, mittendrin: das funkelnagelneue Badewannen-Monster. Maaaam, that’s our premium category: the jacuzzi villa, enjoy your stay. By the way, plan 90 minutes for it to be filled.


Indische Tempel als beeindruckende Zeitzeugen

Ja, eine Sache noch. Ich bin ja nicht unterwegs in Jahreszahlen und wirklicher Geschichtskenntnis. Aber, mein Fazit dieser gefühlt zwanzig Tempel ist: Unglaublich, was da mit purer Handarbeit geschaffen wurde. So eine Säule im Tempel (im Schnitt gibt es da ein paar Hundert) brauchte ein Leben um erschaffen zu werden. Feinste Gesichtszüge, Blüten, Interpretationen … die Tempel sind irgendwie für die Menschen damals wie eine Tageszeitung gewesen. Alle Wände sind gefüllt mit Lebenssituationen und Weisheiten zum Alltag. Tausende von Bildern in Stein gemeißelt per Hand.


Apropos: Schaut man sich das Schönheitsideal von damals an, hat sich irgendwie nichts geändert (siehe Foto rechts).

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