Luxus ist grün in Myanmar

Tischgespräch mit Chris Kingsley


Mit Hotellerie hatte Chris Kingsley bislang nichts am Hut. Der Amerikaner hat sein Geld mit Teakmöbeln gemacht und war dabei ziemlich erfolgreich. Als er aber dann Wa Ale, eine unbewohnte Insel in der Andamanensee, entdeckte, fasste er einen Plan. Er wollte nicht nur ein Hotel bauen, er wollte eine Benchmark setzen für die Branche: Bohemian-Öko richtig gemacht. Keine Mogelpackung, sondern ein Vorbild für den neuen Luxustourismus in Myanmar.


Der Chef braucht keinen großen Auftritt. Und trotzdem ist man gleich von Chris Kingsley beeindruckt, wie er barfuß, in legerer Leinenhose und hellblauem Hemd allein am weißen Sandstrand steht und dem Boot schon aus der Ferne entgegenwinkt. Im Hintergrund das graue Steinmassiv, das aus dem Meer aufragt, davor wächst ein dichter Mangrovenwald, zwischen zwei Palmen ist eine Hängematte gespannt …

„Willkommen auf Wa Ale!“, ruft Chris, als der Skipper zwei Minuten später den Motor abstellt, und begrüßt seine Gäste mit festem Händedruck und einem breiten Lächeln, das an das von Harrison Ford in Indiana Jones erinnert. Es fühlt sich an, als wäre man die Nachhut eines Entdeckerteams, das Neuland betritt – und im Grunde ist das Resort mitten im Lampi Marine National Park genau das. Erst vor einem Jahr hat das Hotel an der Küste im Süden Myanmars eröffnet. Eine neue Destination in einem bisher touristisch völlig unerschlossenen Gebiet und auch in seiner Art absolut einzigartig. Hier gibt es keine klobigen Bauten, keine bis ins letzte Detail geplanten und inszenierten Urlaubsvergnügen, kein Chichi. Die unberührte Natur mit ihrer herrlichen, weitestgehend intakten Flora und Fauna soll die Attraktion dieses Ortes bleiben.


STEPHANIE ELINGSHAUSEN: Chris, seit den 1990er-Jahren sind Sie in Asien unterwegs, um für Ihre Möbelproduktion edle Hölzer einzukaufen. Wie kam es dazu, dass Sie die Branche gewechselt und eines der schönsten und nachhaltigsten Resorts gebaut haben, in dem keinem Baum auch nur ein Ast gekrümmt wurde?


CHRIS KINGSLEY: Meine erste Idee war gar nicht so sehr der Umweltschutz. Ich habe viele Jahre hier in Myanmar gearbeitet und dabei wunderbare Menschen kennengelernt. Irgendwann kam dann in meinem Leben der Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, dass ich diesen Leuten etwas zurückgeben wollte.


STEPHANIE: Sie wollten sich sozial engagieren?


CHRIS: Ja. Die Menschen haben es verdient, dass sie Unterstützung bekommen. Viele Probleme, die es hier heute gibt, haben ihren Ursprung darin, dass das Land ein Spielball der Hegemonialmächte war und ist. Früher haben die britischen Kolonialisten gesagt, wo es langging, jetzt baut der große Nachbarstaat China mehr und mehr seine Macht aus. Die Menschen in Myanmar können über ihr Schicksal kaum selbst bestimmen.


STEPHANIE: Kannten Sie Wa Ale schon vorher, oder wie sind Sie in diesen abgelegenen Teil des Landes gekommen?


CHRIS: Beruflich hatte ich früher viel mit dem Forstministerium zu tun. Meine alten Kontakte dort erzählten mir von den Inseln in der Andamanensee und davon, dass es Pläne gäbe, den Lampi Marine National Park touristisch zu erschließen. Das war 2015.


STEPHANIE: Die rund 800 meist unbewohnten Eilande sind touristisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.


CHRIS: Aber als ich das Gebiet zum ersten Mal bereist habe, war ich überwältigt von der unfassbaren Schönheit. Ein gänzlich unberührtes Paradies, das über Jahre militärisches Sperrgebiet war.

STEPHANIE: Man sagt, dass es früher, in den 1980er-Jahren, so auf Phuket und auf den Malediven ausgesehen haben muss. Zuckerweißer Strand, dichte Mangroven, hellblaues Wasser und ein intaktes Korallenriff.


CHRIS: Es war unglaublich! Ich mietete mir ein altes, ziemlich heruntergekommenes Tauchboot und fuhr mit einem Skipper über Wochen in der Region umher. Ich verliebte mich immer mehr in diese Natur und die Idee verfestigte sich, dass ich ein absolut ökologisch nachhaltiges Resort bauen wollte, das sich durch wohlhabende Gäste, die genau das schätzen und suchen, auf lange Sicht finanzieren soll. 20 Prozent des Nettoprofits und zwei Prozent der Einnahmen aus den Übernachtungen fließen direkt an Sozial- und Umweltschutzprojekte im Lampi Marine National Park.


STEPHANIE: Bestimmt haben sich auch noch andere, größere Player aus der Touristikbranche dafür interessiert, dieses attraktive Stück Land zu pachten.


CHRIS: Es gab eine öffentliche Ausschreibung. Ich muss schon sagen, dass ich stolz darauf bin, mich mit meinem Konzept gegen mehrere Bewerber durchgesetzt zu haben, die große Konzerne und viel Geld im Rücken hatten. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Burmesen sehr offen und hilfsbereit sind, wenn man sich für ihr Land oder die Landsleute einsetzt. Sie denken da sehr im Wir – vielleicht sind das noch Nachwirkungen des Sozialismus.


STEPHANIE: Dass man Ihre Idee des Ökotourismus unterstützt, ist in Zeiten des Klimawandels ein politisches Statement.


CHRIS: Absolut. Es zeigt, wie sich die Regierung von Aung San Suu Kyi den Tourismus in Myanmar in Zukunft vorstellt – nämlich ehrlich nachhaltig. Sie und ihr Vizepräsident Myint Swe waren bei der Eröffnung in Wa Ale, das war eine große Ehre und zugleich ein Zeichen.


STEPHANIE: Es gibt ja immer mehr Hotelprojekte, die sich Ökotourismus auf die Fahnen geschrieben haben – aber wenn man genauer hinschaut, bleibt außer viel PR-Gerede und dem schönen Schein davon nicht viel übrig.


CHRIS: Das Gefühl habe ich auch. Aber ich möchte nicht so tun, als ob ich mich in der Branche besonders gut auskenne. Mit Ausnahme einiger Urlaube mit der Familie habe ich in diesem Bereich kaum Erfahrungen und würde mich auch nicht Experte in Sachen Hotelbusiness nennen.

STEPHANIE: Sie sind also kein leidenschaftlicher Hotelier. Ist das eine gute Voraussetzung, um so ein Projekt zu starten?


CHRIS: Wa Ale ist kein Ort für Menschen, die den herkömmlichen Luxus suchen. Wir haben keinen Butlerservice, keine Klimaanlage und auch keine Jetski. Wer damit nicht klarkommt, der ist bei uns falsch. Bei uns steht die Natur im Vordergrund – die Gäste wissen das zu schätzen. Wir sammeln Meeresmüll ein und bringen ihn sortiert ans Festland. Der Strom für die Insel wird mit Solaranlagen erzeugt und das Gemüse für das Restaurant wird auf einer Biofarm direkt vor Ort angebaut. Ich habe gemerkt, dass gerade bei Gästen aus Deutschland das Interesse an Nachhaltigkeit sehr groß ist. Sie sind erstaunlich gut über die Zusammenhänge in der Natur informiert und bereit, auf altbekannten Komfort zu verzichten.


STEPHANIE: Ihr habt für den Bau wirklich keine Bäume gerodet?

CHRIS: Natürlich mussten wir das Dickicht etwas lichten, weil man sonst im Dschungel keinen Fuß vor den anderen hätte setzen können. Die Insel war so unerkundet, dass wir bei diesen Arbeiten sogar einen ziemlich breiten Fluss entdeckt haben. Alle Baumaßnahmen haben wir ohne großes Gerät durchgeführt. Es gab keine Bulldozer, keine Planierraupen und keine laut heulenden Kettensägen, die unsere Makaken, die Hirschferkel und die Rieseneichhörnchen bestimmt in schreckliche Panik versetzt hätten. Wir haben nur mit Handsäge, Hammer und Machete gearbeitet. Diese Art zu bauen beherrscht nicht mehr jeder. Zum Glück sind die Einheimischen, die es gewohnt sind, ohne strom- und benzinbetriebene Motoren zu arbeiten, dazu noch in der Lage.


STEPHANIE: Die Strandbar in Wa Ale ist aus vielen alten Fensterläden zusammengesetzt, der Boden im Restaurant aus bunten, abgeschliffenen Planken.


CHRIS: Ich war vier Monate im ganzen Land unterwegs und habe hundert alte, zerfallene Häuser aufgekauft, die wir in ihre Einzelteile zerlegt haben.

STEPHANIE: Trotzdem wirkt die Lodge kein bisschen folkloristisch.


CHRIS: Das war ganz bewusst. Wir wollten einen kreativen Look kreieren, der zu unseren Kunden passt. Die sind im positivsten Sinne anspruchsvoll. Deswegen haben wir zu dem alten Holz feinste belgische und italienische Stoffe kombiniert, unsere Villen aus feinem Zeltstoff wurden in Südafrika angefertigt. ‚Bohemian chic‘ ja, aber mit einem Twist.


STEPHANIE: Generell habt ihr wenig gebaut. Insgesamt gibt es nur elf Villen auf der Insel und ein großes Haupthaus. Um 23:00 Uhr werden die Gäste dann gebeten, das Restaurant zu verlassen


CHRIS: Wir wollen die Natur präsentieren und keine Gebäude. Wir sind auch keine Partyinsel, versuchen den Lärm und die Lichtverschmutzung gering zu halten – denn das stört die Schildkröten, die bei uns am Strand ihre Eier ablegen. Außerdem wollen wir unseren Mitarbeitern keine Nachtarbeit zumuten.


STEPHANIE: Schildkröten sind ein gutes Stichwort. Hier gibt es Echte Karettschildkröten, Leder- und Grüne Meeresschildkröten. Der Schutz der Reptilien ist Ihnen besonders wichtig.


CHRIS: Früher wurden die Nester der Schildkröten hier auf der Insel geplündert und die Eier nach China und Thailand verkauft. Aber ich kann sagen, dass wir das Problem gelöst haben. Wir haben mit den Verantwortlichen in den Dörfern gesprochen und ihnen erklärt, dass nur die Schildkröten an den Strand zurückkommen, die auch dort geboren wurden. Die Einheimischen wussten das nicht und haben sofort aufgehört, die Eier zu wildern. Seither habe ich schon tausende frisch geschlüpfte Schildkrötenbabys beobachtet, wie sie ihren Weg ins Meer suchen.


STEPHANIE: Das war ja einfach!


CHRIS: Und es zeigt, wie wichtig Bildung ist. Auf der Nachbarinsel von Wa Ale wohnen 40 Familien. Dort gibt es auch eine Dorfschule, in der die Kinder aber nur bis zur dritten Klasse unterrichtet werden. Ein weiteres Bildungsangebot gibt es nicht. Deswegen bieten wir den Kindern Stipendien an, die ihnen ermöglichen, eine weiterführende Schule zu besuchen.


STEPHANIE: Haben schon viele dieses Angebot angenommen?


CHRIS: Im Moment noch nicht wirklich. Aber wir sind auch erst seit drei Jahren hier vor Ort. Die Menschen, die so lange völlig abgeschieden gelebt haben, müssen langsam Vertrauen fassen, bevor sie uns ihre Kinder und damit ihre Zukunft anvertrauen. Das kann ich nachvollziehen. Und wir wollen sie auch nicht überrumpeln oder ihnen das Gefühl geben, dass nur unsere Ideen und Vorstellungen die einzig richtigen sind. Da müssen wir Geduld haben. Was schon jetzt sehr gut angenommen wird, ist die medizinische Hilfe. Wir haben eine Ärztin angestellt, die auch Geburtshilfe leisten kann. Das ist ganz wichtig für die Menschen hier, und das Hotel profitiert davon ja auch.

STEPHANIE: Zunächst einmal haben Sie viel Kapital in den Bau und das Marketing gesteckt. Da wird es länger dauern, bis das Projekt profitabel wird


CHRIS: Das wird seine Zeit dauern. Aber es ist für mich Ehrensache, dass ich nicht erst anfange, die versprochenen 20 plus zwei Prozent in die Stiftung einzuzahlen, nachdem ich mein Investment wieder eingespielt habe. Die Projekte laufen jetzt schon. Wir arbeiten mit der Wildlife Conservation Society zusammen, mit der wir eine Station des Forstministeriums unterstützen. Bislang waren dort die Ranger mit einem hölzernen Langboot unterwegs und sind mit fünf Knoten in der Stunde über das Meer getuckert. Mit so einem Kahn ein Revier von mehr als 50 Quadratkilometern zu überwachen – da lachen einen die Ganoven ja aus. Also hat unsere Lampi Foundation als Erstes ein Schnellboot gekauft. Jetzt haben die Naturschützer ein ganz anderes Auftreten und es ist ihnen gelungen, die illegale Fischerei deutlich zurückzudrängen. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald die nächsten USD 50’000 zusammenhaben, um ein zweites Boot anzuschaffen.


STEPHANIE: Das klingt, als hättet ihr bereits großen Erfolg?


CHRIS: Jetzt ja, aber als wir angefangen haben, hatten wir eine Belegung von sieben Prozent. Unser Projekt ist sehr speziell, das braucht Zeit und Botschafter. Außerdem haben wir während des Monsuns geschlossen, auch das ist ein kleines Hindernis. Aber jetzt sind wir bei 70 Prozent Auslastung, das ist fantastisch, denn es ist wichtig, dass wir Erfolg haben. Wir müssen beweisen, dass man mit dieser Art des nachhaltigen Tourismus auch ökonomisch erfolgreich sein kann. Nur so finden wir auch Nachahmer – denn Vorbilder für schlechten Tourismus gibt es schon genug.


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