Verliebt in Marrakesch

Die Schöne am Rande des Atlas verzaubert mit altorientalischer Bilderbuchpracht und neuen Adressen für den Jetset – eine Reise ins Gestern und Heute der nordafrikanischen Königsstadt.Marrakesch | Luxusreise mit C&M Travel Design aus Frankfurt

Wir erreichten die Königsstadt an einem späten Nachmittag. Zwei beste Freundinnen in einem weißen Käfer, staubig und erschöpft von tagelanger Fahrt. 30 Jahre ist das her, es war unser erster Trip nach Marrakesch, der erste in exotisches Land überhaupt. Das Gästehaus am Rand der Medina, von dem wir gehört hatten, wollten wir unbedingt allein finden. Außer uns hielt das niemand für eine gute Idee. Scharen selbst ernannter Reiseführer in bodenlangen Kaftanen eskortierten unser Auto und boten vehement ihre Dienste an. Wir hielten die Augen starr geradeaus gerichtet. Die Dämmerung brach herein, die Gassen wurden immer enger und wir immer kleinlauter. Ein junger Mann auf einem Fahrrad machte schließlich das Rennen, brachte uns ohne Entführung zu unserer Pension und verabschiedete sich mit zahlreichen Segenswünschen. Nach Geld fragte er nicht.

Marrakesch lieben lernen durch einzigartige Begegnungen

In den nächsten drei Tagen zeigte uns Ahmed seine Stadt. Wir folgten ihm blindlings durch Labyrinthe aus bröckelnden Altstadthäusern, rochen an Pfefferminzbündeln, hielten in Gerbereien die Luft an, zwängten uns zwischen Menschen und Eselskarren hindurch. Ahmed lehrte uns Feilschen, er stellte uns seinen Tanten und Onkel vor, aß mit uns Tajine und Couscous. Wir waren glücklich. Dank Ahmed hatten wir uns in eine faszinierende Stadt verliebt. Seinen Lohn mussten wir ihm unter Androhung von Freundschaftsentzug aufdrängen.

Heutzutage ist Marrakesch Sehnsuchtsort wohlhabender Weltenbürger

Wir haben Marrakesch seit damals einige Male besucht, wenn auch nie wieder mit dem Auto. Die Anreise wurde mit den Jahren bequemer, unser Direktflug von München am vergangenen Donnerstag hat keine vier Stunden gebraucht. Das Mekka der Hippies – Bob Dylan, Cat Stevens und Mick Jagger schlurften als junge Männer durch die Souks – ist zum Sehnsuchtsort wohlhabender Weltenbürger geworden. Eine bunt gemischte Szene richtet verfallene Riads in der Medina als zweites Zuhause her, die internationale Hotellerie eröffnet Luxushotels. Wie überall hat der Goldrausch auch hier seine Schattenseiten. Immobilienpreise explodieren, Investoren reißen sich um Baugenehmigungen, Palmen werden illegal abgeholzt. Doch endlich ist auch Budget da für dringend notwendige Renovierungen in der alten Medina. Kreative Restaurants entstehen, Kunsthandwerkboutiquen beziehen alte Karawansereien, private Museen zeigen Originale aus der Vergangenheit.

Mit dem Guide durch die „rote Stadt“

Und noch immer brauchen Besucher einen guten Guide. Unserer heißt diesmal Hamdan, was so viel bedeutet wie „Gott sei Dank“. Mit ihm laufen wir bereits durch die Gassen, als die meisten Touristen noch beim Frühstück sitzen. Mütter mit Kopftuch bringen Kinder zur Schule, ältere Frauen liefern Brotteig in einer Backstube ab. Jede Familie hat ihr eigenes Rezept und kann sich darauf verlassen, dass der Bäcker die vielen Laibe in seinem Ofen auseinanderhält. Hamdan hat einen Besuch in der ehemaligen Koranschule Medersa Ben Youssef organisiert, bevor sich ihr mächtiges Portal für die Allgemeinheit öffnet. Kein Busch, keine Blume schmückt den mit Carrera-Marmor ausgelegten Innenhof. Dafür blühen an den Wänden bunte Mosaike, rankt eine kunstvolle Geometrie aus Säulen, Stuck und Schnitzerei zum strahlend blauen Viereck des Himmels empor. Wie still es in dem mittelalterlichen Bau ist, wird uns erst bewusst, als wir wieder in die belebten Gassen eintauchen. Hamdan führt uns zu einem der lehmverputzten Häuser, die Marrakesch den Namen „rote Stadt“ geben. Im Innern türmen sich Holzscheite, mit denen der Hausherr einen großen Wandofen befeuert. Als Hammam-Heizer versorgt er das benachbarte Badehaus rund um die Uhr mit heißem Wasser. Im Nebenberuf brennt er für die Musik. Schon kurz nach der Begrüßung finden wir uns im Schneidersitz mit Mütze auf dem Kopf wieder und versuchen zum Schepperklang seiner afrikanischen Laute die langen Quasten unserer Mützen ebenso schwerelos im Kreis fliegen zu lassen wie er. Nicht einfach, doch der kehlige Gesang des Heizers und das Kopfkreisen wirken auch bei Amateuren: Wir fühlen den orientalischen Rhythmus im Körper.

Genau die richtige Verfassung für den Basar, den größten Marokkos. In den Souks der Töpfer, der Kupferschmiede, Textil- und Gemüsehändler pocht das Herz der zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten Altstadt. Tausende von winzigen Geschäften konkurrieren in den Gängen. Wir lassen uns treiben. Von Seifen aus Eselsmilch zu pinken, gelben, blauen Wollknäueln, die im Färbermarkt zum Trocknen in der Sonne hängen. Von Teegläsern und Silberketten zu Seidenkissen. Von den Holzschnitzern zu den Teppichhändlern, die einem mit Unschuldsmiene „echt Berber“ zuraunen. Nicht alles ist Seide, was hier glänzt, und wer erlesene marokkanische Lampen sucht, findet sie eher in teuren Läden am Rand der Medina. Doch nirgendwo werden die Sinne so gefordert wie im Basar, wo popfarbene Pantoffeln ganze Hauswände pflastern und Kräuterdoktoren aus Ginseng, Pfeffer und Zimt das Viagra des Morgenlandes mischen.

„Hammam?“ Als unser Guide die Frage stellt, nicken wir begeistert. Wo sonst könnte man sich von einer strapaziösen Basartour besser erholen? Erst spätnachmittags verlassen wir das kleine, sehr feine Spa in der Medina, mit Seifenschaum geschrubbt, von kräftigen Händen durchgewalkt und mit einer göttlichen Rosencreme im Gesicht. Für den frühen Abend haben wir uns Landeskultur gewünscht. Hamdan weiß, dass wir nicht den Djamaa el Fna meinen,den Platz der Geköpften, auf dem früher die Häupter der Hingerichteten aufgespießt wurden und heute Schlangenbeschwörer, Akrobaten und Märchenerzähler ihr tägliches Spektakel aufführen. Klar, muss man gesehen haben, doch das Maison de la Photographie rührt uns mehr an.

Das Maison de le Photographie

Das junge Museum in einem hundertjährigen Warenhaus zeigt Bilder aus Marokko, aufgenommen zwischen 1870 und 1950. Ernste Gesichter blicken uns von den Originaldrucken an, Berber- Kinder, festlich gekleidete Frauen, Kameltreiber in der Sahara. Auch alte Ansichten von Tanger und Marrakesch sind zu sehen und schneebedeckte Dörfer im Hohen Atlas. Von der Dachterrasse des Museums, einer der höchsten in Marrakesch, können wir das Gebirge betrachten. Es beherrscht den kompletten Horizont. Auf den weißen Gipfeln blinkt ein letzter Sonnenstreif, dann zieht die Nacht herauf. Unter uns liegen die Dächer der Stadt. Gleich macht sie sich abendfein, zündet ihre Windlichter an und fächelt den Duft der Garküchen durch die Medina. Dann wird Hamdan uns mit einer Laterne den Weg zum Restaurant leuchten. Welchem? Unser Guide lächelt geheimnisvoll. Bestimmt hat er ein Ass im Ärmel.